Termine

]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner
Vorlesung im Sommersemester 2021
Ästhetik und Kunstsoziologie II (040.091)

Dienstags, 10–13h: 9.März, 23.März, 20.Apr., 4.Mai, 18.Mai, 1.Juni, 15.Juni 2021

Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik

Seit einigen Jahren ist ein regelrechter Boom dekolonialistischer Ansätze zu verzeichnen: In den theoretischen Debatten der Kultur- und Sozialwissenschaften werden die alten Fragen sozialer Ungleichheit und kultureller Differenz vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte und ihrer Effekte neu verhandelt. In den politischen Aktivismen ist der Ruf „decolonize!“ nicht mehr zu überhören, er bezieht sich auf Gegenstandsbereiche wie „die Stadt“, auf Ereignisse wie die „Revolten von 1968“ oder auch auf akademische Disziplinen wie die Soziologie.

Aber was ist dekolonialistische Theorie? Was sind ihre zentralen Begrifflichkeiten und Problemstellungen? Wo liegen ihre Ursprünge, was macht ihre Genese aus? Worin unterscheidet sich dekolonialistische von postkolonialistischer Theorie? Was bedeutet Dekolonisierung, wenn damit nicht nur das Ende des militärisch-politischen Kolonialismus gemeint ist?

Die Struktur der globalen Machtverhältnisse ist bis heute vom Kolonialismus geprägt. Der peruanische Soziologe nennt diese Prägung die „Kolonialität der Macht“. Die Kolonialität ist das Weiterwirken kolonialer Denk- und Wahrnehmungsweisen auch nach dem Ende politisch-militärischer Kolonialherrschaft. Sie schafft und reproduziert sozial wirksame Klassifizierungen und prädisponiert gesellschaftliche Konflikte. Um die Kolonialität offenzulegen und gegen sie anzugehen, bedarf es eines „epistemtischen Ungehorsams“ (Walter Mignolo). Dekolonisierung kann dann einerseits in Formen des uneindeutigen „Grenzdenkens“ (Gloria Anzaldúa) münden, andererseits kann aber auch der Kampf um „die Bejahung des Anderen als anderer“ (Enrique Dussel) eine Schlussfolgerung dekolonialistischer Anliegen sein.

Die Bezeichnung dekolonialistische Theorie ist zwar noch relativ jung. Die vor allem in Lateinamerika aufgekommenen Debatten in diesem Kontext knüpfen aber doch zweifelllos an historische Problemstellungen an: José Carlos Mariátegui hatte in den 1920er Jahren bereits auf die Effekte kultureller Kodierung – Menschen als ethnisch/ rassialisiert zu betrachten – für die soziale Ungleichheit und damit auch für die (marxistische) Sozialtheorie hingewiesen. Die Dependenztheorien der 1960er und 70er Jahre haben die modernisierungstheoretischen Annahmen der eurozentrischen Sozialwissenschaften in Frage gestellt. Eine Infragestellung, an der auch heutige Diskussionen wieder anknüpfen und die sicherlich zu einem umfassenden Verständnis der globalen sozialen Ungleichheit beitragen kann.

Während der Aufschwung dekolonialistischer Ansätze in Forschung, Theorie und Politik der Gegenwart kaum zu bezweifeln ist, mehren sich auch die Kritikpunkte an ihnen: Es wird die Geschlechtsblindheit vieler Ansätze beklagt, die Vereinheitlichung sehr unterschiedlicher geopolitischer Situationen wird bemängelt, der Antisemitismus in der Einschätzung von Israel als kolonialem Staat und die Verabsolutierung von Differenz wird kritisiert und damit auch die unreflektierte Bezugnahme auf den politisierten Islam.

Die Vorlesung stellt die Ideen- und Diskursgeschichte der dekolonialistischen Theorieansätze dar und diskutiert zentrale Theoreme und Begrifflichkeiten.



]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Ästhetik und Kunstsoziologie III / Kritische Theorien Modul III
Sommersemester 2021
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Zweiwöchentlich dienstags, 10-13:30h
16.03., 13.04., 27.04., 11.05., 08.06., 22.06.

Was machen eigentlich Künstler*innen?
Diskurse der Arbeit in der Kunstsoziologie


Die Frage, was Künstler*innen eigentlich machen, ruft eine banale Antwort hervor: Kunst. Damit ist aber längst nicht alles gesagt. Die Kunstproduktion ist eine spezifische Form der Arbeit, die nicht unbedingt Gebrauchswerte schafft. Wie jede Arbeit aber ist sie in die Subjektproduktion involviert. Nicht zuletzt deshalb galt schon Karl Marx die wirklich freie Arbeit (wie etwa das Komponieren) als „verdammtester Ernst“. Sie besitzt gesamtgesellschaftlich einen besonderen Status. 
Diese soziale Rolle und Bedeutung sogenannter schöpferischer, kreativer Tätigkeiten hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Das „Feld der künstlerischen Produktion“ (Pierre Bourdieu) hat seine besonderen Arbeitsweisen offenbar verallgemeinert, die „passionate work“ (Angela McRobbie) der Künstler*innen ist vom Spezialfall zum Rollenmodell für die kapitalistische Produktionsweise geworden. So behaupten es zumindest einige der aktuellen Zeitdiagnosen, in den künstlerische Produktion beschrieben wird.

Das Seminar zeichnet anhand zentraler (auch „klassischer“) Positionen die Auseinandersetzung mit Arbeit innerhalb kunst- und kultursoziologischer Diskurse nach. Dabei werden u.a. die Fragen diskutiert, was die der Kunstproduktion zugeschriebenen, schöpferischen und kreativen Tätigkeiten ausmacht, wie sie sich von anderer Arbeit unterscheiden (oder auch nicht), wie sie im kunstsoziologischen Diskurs konzipiert wurden und werden und welche Konsequenzen solche Konzeptionen für die zeitdiagnostische Analyse haben.



]a[ Akademie der bildenden Künste
Institut für das künstlerische Lehramt
Seminar im Sommersemester 2021
KB 4.2 / MS 4.5 Gesellschaftstheorie

Mittwochs, 9.30-12.30h, zweiwöchentlich 

„Der Schritt, den wir nicht machen können“
Materialistische Sozialtheorie und Kunst
Das Anliegen, sich wieder mit dem Kunstwerk als solchem zu beschäftigen, beschrieb der Soziologe und Kulturwissenschaftler Raymond Williams in seinem Buch Sociology of Culture(1981) als „Schritt, den wir nicht machen können“. Warum nicht? Ohne soziale Kontexte, so Williams, sind künstlerische Arbeiten nicht nur nicht zu begreifen. Ihre Existenz selbst ist eine durch und durch gesellschaftliche. Als soziokulturelle Kategorie sollte sie auch in ihrer Form untersucht werden.
Nicht alle gesellschaftstheoretischen Ansätze haben sich auch systematisch mit Kunst beschäftigt, aber doch einige: Vor allem in der Tradition des kulturellen Materialismus sind verschiedene Modelle entwickelt worden, künstlerische Praktiken zu beschreiben und einzuordnen.
Dabei kommen sowohl praxis- als auch strukturtheoretische, subjektivistische wie objektivistische Theorieansätze zum Einsatz. Insofern gibt die jeweilige Beschäftigung mit Kunst auch Auskunft über Grundannahmen und Methoden kritischer Gesellschaftstheorie selbst.
Anhand der Diskussion ausgewählter Texte zur Kunst – von AutorInnen wie Antonio Gramsci über Pierre Bourdieu bis zu Angela McRobbie – beansprucht das Seminar, zugleich methodische und theoretische Grundlagen gesellschaftstheoretischer Analyse zu vermitteln.