Termine

]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Ästhetik und Kunstsoziologie III / Kritische Theorien Modul III
Seminar im Wintersemester 2019/20
PD Dr. Jens Kastner

Dienstags, 10-13h (zweiwöchentlich). Raum AU04H4.39

„Vorwärts und nicht vergessen…“. 
Solidarität in der soziologischen Theorie und in der politischen Praxis

Solidarität ist sicherlich einer der schillerndsten Begriffe in der politischen Theorie und Praxis. Dabei ist keineswegs eindeutig, was er überhaupt bedeutet: Solidarität kann individuelles Verhalten ebenso beschreiben wie massenhafte Aktion, sie kann spontane Praxis genauso meinen wie einen dauerhaften sozialen Zusammenhalt. Sie wird als anthropologische Konstante, als etwas allen Angeborenes ebenso begriffen wie als Kampfbegriff, dessen Umsetzung in der Wirklichkeit stets angemahnt und eingefordert werden muss. Solidarität kann staatliche Umverteilungsmaßnahmen beschreiben, sie kann aber auch alltägliche, von Mitgefühl und Empathie getragene Handlungen ohne jeden institutionellen Rahmen meinen.
Solidarität kann sich auf die als selbstverständlich erlebte Hinwendung zu den „Gleichen“ beziehen, wie sie der Soziologe Émile Durkheim als „mechanische Solidarität“ von Familie, Clan und Dorf beschrieben hat. Sie kann aber auch als die Überbrückung von Differenzen zu „Anderen“ verstanden werden, die Durkheim trotz zunehmender Arbeitsteilung in der Moderne im korporativen Zusammenhalt auch sah – und die er der mechanischen Solidarität normativ deutlich vorzog, weil die Solidarität in Fabrik und Stadt auch und gerade Fremden zukommt. Marx und Engels setzten auf die proletarische Solidarität, die ebenfalls Fremde zusammenbringt und sich zusätzlich auf gemeinsame Kampferfahrung stützt – oder stützen sollte. In den feministischen und antikolonialen Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Errungenschaften wie Fallstricke einer solchen „Kampfsolidarität“ (Kurt Bayertz) ausgiebig problematisiert.
Solidarität ist eine stets umkämpfe Praxis. Auf die Hochphasen „internationaler Solidarität“ folgten immer wieder auch politische Ernüchterungen und konzeptuelle Zweifel, etwa an den paternalistischen Schlagseiten solidarischer Praktiken. Wenn gegenwärtig in symbolischen Bezugnahmen – nicht zuletzt im Kunstfeld – häufig mehr Ausbeutung als Parteinahme gesehen und als kulturelle Aneignung kritisiert werden, stehen auch die Bedingungen der Möglichkeiten von Solidarität in Frage. Zu einer ungleich stärkeren Delegitimierung solidarischer Impulse und rechtlicher Absicherung von Solidarität hat zweifelsohne die Etablierung neoliberaler Wirtschafts- und Sozialordnungen in den letzten Jahrzehnten geführt. Die gegenwärtige Kriminalisierung solidarischer Praktiken wie der Seenotrettung von Flüchtlingen und des Kirchenasyls setzt diese Delegitimierung fort. 
Das Seminar bietet eine Einführung in Grundlagentexte soziologischer Solidaritätstheorien. Zentrale konzeptuelle und politische Problemstellungen von Begriff und Praxis der Solidarität werden anhand historischer und aktueller Beispiele diskutiert.



]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Ästhetik und Kunstsoziologie I
Vorlesung im Wintersemester 2019/20
PD Dr. Jens Kastner

Dienstags, 10-13h (zweiwöchentlich). Raum AU04H4.39

Die Linke und die Kunst. Ein Überblick 
Innerhalb linker Theorie und gesellschaftstheoretischer Entwürfe spielt die Kunst keine zentrale Rolle. Dennoch zieht sich die Auseinandersetzung mit künstlerischen Praktiken und der Frage, welche Rolle die Kunst in gesellschaftlichen Prozessen spielt, nicht zufällig durch eine Vielzahl von Texten linker TheoretikerInnen.
Die Vorlesung geht diesen Spuren der Kunst innerhalb linker Theorie von Marx und Proudhon bis heute nach. Weil einerseits weder als gegeben angenommen werden kann, was „links“ noch was „Kunst“ bedeutet, und andererseits die Anzahl an in Frage kommender AutorInnen und Texte unüberschaubar ist, beschränkt sich die Vorlesung auf ausgesuchte Positionen. Diese werden vor allem hinsichtlich dreier Fragen diskutiert: Erstens: Welches Verständnis von Kunst wird vertreten? Zweitens: Welcher Stellenwert wird der so verstandenen Kunst in der Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse eingeräumt? Wie verhält sich die Kunst zu anderen Strukturbereichen und anderen Praktiken, die nicht Kunst sind? Und welche Kunst ist überhaupt gemeint? Und drittens: Was wird jeweils von der Kunst erwartet? Ist sie Teil emanzipatorischer Veränderungen oder steht sie ihnen im Wege? 

0. Einführung. Zur Klammer „linke Theorie“ und „Kunst“
I. „wirksamer als hundert Flugschriften“
Kunst bei Marx & Engels
II. „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“
Kunst und anarchistische Theorie 
III. Ein „konkretes und wirkliches Erfüllungsgebiet“
Kunst im Marxismus-Leninismus 
IV. „im Protest gegen soziale Rezeption“
Kunst in der Kritischen Theorie 
V. „mit der praktischen Strömung zur Negation vereinigt“
Kunst und die situationistische Theorie
Exkurs: Spiegelung und Brechung
Von Lenin zum Poststrukturalismus
VI. „because it’s what they know best“
Kunst im Feminismus
VIII. „Ohne Unterdrückung und ohne Rassismus kein Blues“
Kunst und Black Liberation
VIII. „a recognition of related practices“
Kunst und materialistische Praxistheorie
IX. „veränderte Setzung“
Kunst in der poststrukturalistischen/ postfundamentalistischen Theorie 
X. „a lot like communism“
Kunst im Postoperaismus
XI. „die perfide Struktur kultureller Herrschaft“
Kunst in der post- und de-kolonialistischen Theorie
XII. Resümee & Ausblick


]a[ Akademie der bildenden Künste
Institut für das künstlerische Lehramt
Seminar im Wintersemester 2019/20
KB 4.2 / MS 4.5 Gesellschaftstheorie (060.142)

PD Dr. Jens Kastner

Mittwochs, 9.30-12.30h, zweiwöchentlich (Beginn: 09.10.2019)

„Der Schritt, den wir nicht machen können“
Materialistische Sozialtheorie und Kunst
Das Anliegen, sich wieder mit dem Kunstwerk als solchem zu beschäftigen, beschrieb der Soziologe und Kulturwissenschaftler Raymond Williams in seinem Buch Sociology of Culture(1981) als „Schritt, den wir nicht machen können“. Warum nicht? Ohne soziale Kontexte, so Williams, sind künstlerische Arbeiten nicht nur nicht zu begreifen. Ihre Existenz selbst ist eine durch und durch gesellschaftliche. Als soziokulturelle Kategorie sollte sie auch in ihrer Form untersucht werden.
Nicht alle gesellschaftstheoretischen Ansätze haben sich auch systematisch mit Kunst beschäftigt, aber doch einige: Vor allem in der Tradition des kulturellen Materialismus sind verschiedene Modelle entwickelt worden, künstlerische Praktiken zu beschreiben und einzuordnen.
Dabei kommen sowohl praxis- als auch strukturtheoretische, subjektivistische wie objektivistische Theorieansätze zum Einsatz. Insofern gibt die jeweilige Beschäftigung mit Kunst auch Auskunft über Grundannahmen und Methoden kritischer Gesellschaftstheorie selbst.
Anhand der Diskussion ausgewählter Texte zur Kunst – von AutorInnen wie Antonio Gramsci über Pierre Bourdieu bis zu Angela McRobbie – beansprucht das Seminar, zugleich methodische und theoretische Grundlagen gesellschaftstheoretischer Analyse zu vermitteln.