Termine

]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner
Vorlesung im Wintersemester 2021/22
Ästhetik und Kunstsoziologie I (040.085)

Zweiwöchentlich dienstags, 10–13h
05.10., 19.10., 16.11., 30.11., 14.12., 11.01., 25.01.

Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik

Seit einigen Jahren ist ein regelrechter Boom dekolonialistischer Ansätze zu verzeichnen: In den theoretischen Debatten der Kultur- und Sozialwissenschaften werden die alten Fragen sozialer Ungleichheit und kultureller Differenz vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte und ihrer Effekte neu verhandelt. In den politischen Aktivismen ist der Ruf „decolonize!“ nicht mehr zu überhören, er bezieht sich auf Gegenstandsbereiche wie „die Stadt“, auf Ereignisse wie die „Revolten von 1968“ oder auch auf akademische Disziplinen wie die Soziologie.

Aber was ist dekolonialistische Theorie? Was sind ihre zentralen Begrifflichkeiten und Problemstellungen? Wo liegen ihre Ursprünge, was macht ihre Genese aus? Worin unterscheidet sich dekolonialistische von postkolonialistischer Theorie? Was bedeutet Dekolonisierung, wenn damit nicht nur das Ende des militärisch-politischen Kolonialismus gemeint ist?

Die Struktur der globalen Machtverhältnisse ist bis heute vom Kolonialismus geprägt. Der peruanische Soziologe nennt diese Prägung die „Kolonialität der Macht“. Die Kolonialität ist das Weiterwirken kolonialer Denk- und Wahrnehmungsweisen auch nach dem Ende politisch-militärischer Kolonialherrschaft. Sie schafft und reproduziert sozial wirksame Klassifizierungen und prädisponiert gesellschaftliche Konflikte. Um die Kolonialität offenzulegen und gegen sie anzugehen, bedarf es eines „epistemtischen Ungehorsams“ (Walter Mignolo). Dekolonisierung kann dann einerseits in Formen des uneindeutigen „Grenzdenkens“ (Gloria Anzaldúa) münden, andererseits kann aber auch der Kampf um „die Bejahung des Anderen als anderer“ (Enrique Dussel) eine Schlussfolgerung dekolonialistischer Anliegen sein.

Die Bezeichnung dekolonialistische Theorie ist zwar noch relativ jung. Die vor allem in Lateinamerika aufgekommenen Debatten in diesem Kontext knüpfen aber doch zweifelllos an historische Problemstellungen an: José Carlos Mariátegui hatte in den 1920er Jahren bereits auf die Effekte kultureller Kodierung – Menschen als ethnisch/ rassialisiert zu betrachten – für die soziale Ungleichheit und damit auch für die (marxistische) Sozialtheorie hingewiesen. Die Dependenztheorien der 1960er und 70er Jahre haben die modernisierungstheoretischen Annahmen der eurozentrischen Sozialwissenschaften in Frage gestellt. Eine Infragestellung, an der auch heutige Diskussionen wieder anknüpfen und die sicherlich zu einem umfassenden Verständnis der globalen sozialen Ungleichheit beitragen kann.

Während der Aufschwung dekolonialistischer Ansätze in Forschung, Theorie und Politik der Gegenwart kaum zu bezweifeln ist, mehren sich auch die Kritikpunkte an ihnen: Es wird die Geschlechtsblindheit vieler Ansätze beklagt, die Vereinheitlichung sehr unterschiedlicher geopolitischer Situationen wird bemängelt, der Antisemitismus in der Einschätzung von Israel als kolonialem Staat und die Verabsolutierung von Differenz wird kritisiert und damit auch die unreflektierte Bezugnahme auf den politisierten Islam.

Die Vorlesung stellt die Ideen- und Diskursgeschichte der dekolonialistischen Theorieansätze dar und diskutiert zentrale Theoreme und Begrifflichkeiten.



]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Ästhetik und Kunstsoziologie III / Kritische Theorien Modul III
Seminar im Wintersemester 2021/22 (040.082)
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Zweiwöchentlich dienstags, 10-13:30h
12.10., 09.11., 23.11., 07.12., 18.01.

Über „Philister“ und die „Eingeborenen der oberen Bildungssphäre“
Die bildende Kunst und ihr Publikum (aus kunstsoziologischer Sicht)


Der marxistische Kunst- und Literatursoziologe Lucien Goldman hatte schon in den 1960er Jahren betont, dass „ausschließlich das Wirken bestimmter Gruppen tatsächlich die kulturelle Schöpfung hervorbringt“. Zur gleichen Zeit hatte auch die Kunstsoziologin Hanna Deinhard geschrieben, dass „sowohl der Begriff des Kunstwerks wie der des Künstlers […] ohne Publikum nicht zu denken sind“. Die neue Aufmerksamkeit für die Rezeption erweiterte und komplettierte letztlich die Analyse von Produktion und Werk in der kunsttheoretischen Auseinandersetzung. Der Einbezug des Publikums in die Analyse vollzog so einerseits nach, was mit ihrer Autonomisierung seit der Renaissance in der sozialen Welt ohnehin nicht mehr von der Hand zu weisen war, nämlich dass eben das Publikum einen Einfluss hat auf Werke, Wert und Wirken künstlerischer Praxis. 
Das Publikum war und ist – neben der Produktion, dem Kunstmarkt und den Institutionen des Feldes – stets zentraler Gegenstand kunstsoziologischer Forschung und Theorie. Dabei geht es bis heute um die Fragen, wie und wodurch und bei wem die „durch viele Körper hindurchgehende Resonanz“ (Diedrich Diederichsen) des Kunstprozesses entsteht. 

Bei allem historischen Struktur- und Funktionswandel des Publikums konnten dazu auch verschiedene grundsätzliche Feststellungen gemacht werden: etwa dass es das Publikum nur im Plural gibt und es mindestens aus Expert*innen als den „Eingeborenen der oberen Bildungssphäre“ (Pierre Bourdieu) auf der einen und Laien und Laiinnen auf der anderen Seite besteht, die sich stets einer „Beschämung der Philister“ (Christian Demand) ausgesetzt sehen. Aber auch die Ambivalenz, die das Publikum für die Künstler*innen selbst auslöst, wurde konstatiert, da allgemeine Popularität und spezifische Originalität bis heute in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. 

Das Seminar beansprucht, grundlegende Positionen und Erkenntnisse der Kunstsoziologie am Beispiel von „klassischen“ und aktuellen Texten zum Gegenstand „Publikum“ zu vermitteln.



]a[ Akademie der bildenden Künste
Institut für das künstlerische Lehramt
Seminar im Sommersemester 2021
KB 4.2 / MS 4.5 Gesellschaftstheorie

Mittwochs, 9.30-13h, zweiwöchentlich 
13.10., 27.10., 10.11., 24.11., 19.01.

„Der Schritt, den wir nicht machen können“
Materialistische Sozialtheorie und Kunst
Das Anliegen, sich wieder mit dem Kunstwerk als solchem zu beschäftigen, beschrieb der Soziologe und Kulturwissenschaftler Raymond Williams in seinem Buch Sociology of Culture(1981) als „Schritt, den wir nicht machen können“. Warum nicht? Ohne soziale Kontexte, so Williams, sind künstlerische Arbeiten nicht nur nicht zu begreifen. Ihre Existenz selbst ist eine durch und durch gesellschaftliche. Als soziokulturelle Kategorie sollte sie auch in ihrer Form untersucht werden.
Nicht alle gesellschaftstheoretischen Ansätze haben sich auch systematisch mit Kunst beschäftigt, aber doch einige: Vor allem in der Tradition des kulturellen Materialismus sind verschiedene Modelle entwickelt worden, künstlerische Praktiken zu beschreiben und einzuordnen.
Dabei kommen sowohl praxis- als auch strukturtheoretische, subjektivistische wie objektivistische Theorieansätze zum Einsatz. Insofern gibt die jeweilige Beschäftigung mit Kunst auch Auskunft über Grundannahmen und Methoden kritischer Gesellschaftstheorie selbst.
Anhand der Diskussion ausgewählter Texte zur Kunst – von AutorInnen wie Antonio Gramsci über Pierre Bourdieu bis zu Angela McRobbie – beansprucht das Seminar, zugleich methodische und theoretische Grundlagen gesellschaftstheoretischer Analyse zu vermitteln.


]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Seminar für Diplomand_innen und Dissertant_innen (040.102)
Seminar im Wintersemester 2021/22
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Zweiwöchentlich donnerstags, 10:15–11:45h
14.10., 28.10., 11.11., 25.11., 09.12., 06.01., 20.01.

„An Unterschieden“, schrieb Georg Simmel in seiner Soziologischen Ästhetik (1896), „sind unsere Empfindungen geknüpft, die Wertempfindungen nicht weniger als die des Haut- und Wärmesinns“. An Unterschieden richtet sich nicht nur das Ästhetische – verstanden als Denk-, Gefühls- und Wahrnehmungsweisen – aus, sondern auch Wissenschaft ist unterscheiden und begründen. Die Kunstsoziologie kann so gesehen auch als Vermittlung zwischen Ästhetik und empirisch-theoretischen Wissenschaften fungieren.

Das Seminar soll Grundlagen kunstsoziologischer Theorie vertiefen und die Möglichkeit bieten, über aktuelle Fragestellungen Ansätze und Methoden zu diskutieren.


Leuphana Universität Lüneburg
Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft
Modul „Praxisfeld Künste“
Wintersemester 2021/22
Praktiken und Politiken der Kunstkritik
Practices and politics of art criticism

PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Einzeltermin | Mo, 18.10.2021, 18:00 - Mo, 18.10.2021, 19:30 | Einführungsveranstaltung online
Einzeltermin | Fr, 21.01.2022, 14:00 - Fr, 21.01.2022, 18:30 | C5.325 
Einzeltermin | Sa, 22.01.2022, 10:00 - Sa, 22.01.2022, 18:30 | C5.325
Einzeltermin | So, 23.01.2022, 10:00 - So, 23.01.2022, 18:30 | C5.325

Für die Wissenschaft von den kulturellen Werken, schrieb Pierre Bourdieu, seien drei Schritte notwendig: Erstens die Untersuchung des künstlerischen Feldes im gesamtgesellschaftlichen Feld der Macht, zweitens die Analyse der inneren Struktur des Feldes und drittens jene der Genese der Habitus von Inhaber*innen der verschiedenen Positionen im Feld. Für die Kunstkritik ist dies ein sehr anspruchsvolles, im Tagesgeschehen von Essays und Ausstellungskritik kaum durchführbares Programm.
Wie zeitgemäße Kunstkritik, die sich auch als Intervention in ihre eigenen kulturellen und politischen Bedingungen versteht, dennoch beschaffen sein kann, wird das Seminar an einem praktischen Beispiel erörtern: Nach einer Auseinandersetzung mit aktuellen kunsttheoretischen Positionen wird am Beispiel des Magazins Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst Publikationspraxis zwischen Theorie, Aktivismus und künstlerischer Praxis innerhalb und außerhalb des Praxisfelds Kunst diskutiert.