in: graswurzelrevolution, Münster, Nr. 511. September 2026, S.17. 
 

Vom Ausnutzen patriarchaler Machtverhältnisse
Der Liedermacher Konstantin Wecker und seine Muster 


Der bekannte Liedermacher und selbsterklärte Anarchist und Feminist, Konstantin Wecker, hatte in den letzten Jahrzehnten immer wieder sexuelle Beziehungen mit Mädchen und minderjährigen jungen Frauen. Die Geschichten davon ähneln alle jener von Johanna, die die Süddeutsche Zeitung im November 2025 publik gemacht hatte. Wecker sprach die jungen Frauen, die allesamt Fans von ihm waren, nach seinen Konzerten an und nahm sie schließlich mit auf sein Hotelzimmer, um mit ihnen Sex zu haben. Häufig hielt er Wochen oder Monate Kontakt zu den Mädchen und traf sie immer wieder, alle Betroffenen waren noch minderjährig und Wecker zum jeweiligen Zeitpunkt 30 oder gar 50 Jahre älter als die Mädchen. Für alle hatte ihr Verhältnis mit Wecker schwere psychische Konsequenzen. 
Wecker hat in einem kurzen Statement jegliche Verantwortung von sich gewiesen, kein Wort der Einsicht, etwas falsch gemacht zu haben, verloren oder sich gar bei jenen entschuldigt, die er verletzt hat. Gegen die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat er geklagt. Die Geschichte dreier Frauen, die sich nach dem Artikel über Johanna mit ähnlichen Erfahrungen mit Wecker bei der SZ gemeldet hatten, musste daraufhin aus dem Netz genommen werden. Die SZ hat Berufung eingelegt.

Zunächst hatte Wecker noch damit reagiert, er sei in einer schwierigen Lebensphase gewesen und könne sich kaum erinnern. Die prekäre Situation zu thematisieren, ist nicht nur eine beliebte Reaktion männlicher Gewalttäter auf die Vorwürfe gegen sie, sondern auch ein typisches Muster der medialen Berichterstattung zu ihnen. Diese Art der Psychologisierung leistet immer der Entschuldigung Vorschub: Die „schwere Lebensphase“ scheint meist alles Mögliche zu rechtfertigen. Wie sich in den letzten Monaten herausgestellt hat, war Johanna aber kein Einzelfall. Rund ein halbes Jahr später erschien das Buch „Auserwählt“ (Goldblatt Verlag, 2026) von Marie Franz, in dem sie ihre Erlebnisse mit Wecker schildert, die jenen von Johanna sehr ähneln. Offensichtlich handelte es sich um ein Verhaltensmuster Weckers: Junge, unsicher wirkende Frauen anzugraben, deren Bewunderung auszunutzen und sexuelle Profite aus dem dann eingegangenen Verhältnis zu schlagen.


Soziale Bedingungen statt Psychologie
Statt psychologischen Merkmalen sollten eher die sozialen Bedingungen in den Vordergrund gerückt werden, um das Problematische solcher Beziehungen überhaupt sichtbar zu machen, die Wecker gesucht hat. Heterosexuelle Beziehungen sind nach wie vor geprägt von Altersunterschieden, Frauen sind in der Regel jünger als ihre Partner, die dadurch häufig die besser bezahlten Jobs und (als Männer) ohnehin die aussichtsreicheren Karrieremöglichkeiten haben, was die durch die Sozialisation bestehende Tendenz zu ungleich verteilter Reproduktionsarbeit noch verstärkt. Wecker ist so gesehen alles andere als ein Einzelfall. Zugleich liegt aber der Altersabstand bei heterosexuellen Partner*innen durchschnittlich bei unter fünf Jahren (wobei die Männer in der Regel die älteren sind), auch hinsichtlich des Bildungsniveaus ähneln sich die Partner*innen eher. So gesehen ist Wecker eine Ausnahme. Die Mädchen, die er ansprach, waren meist minderjährig, ob er nun 48, 63 oder 68 war. Auch in der gesellschaftlichen Stellung unterscheidet sich der bekannte Liedermacher von den Teenagern, mit denen er Sex hatte, sehr deutlich. Aber Regel und Ausnahme hängen zusammen. Die Verbindung besteht im männlichen Begehren, dass sich häufig auf „junge Frauen“ richtet, wobei das Jungsein – auch vermittelt durch die Popkultur – relativ konstant bleibt, während der relationale Abstand immer größer wird. 

Geschlechterverhältnisse sind Machtverhältnisse. Kommen zur Geschlechterdifferenz noch Unterschiede hinsichtlich des Alters, des Bildungsniveaus und des sozialen Status hinzu, verschärft sich die Ungleichheit. Dass die Beziehung zwischen einem berühmten, 68jährigen Mann und einem 17jährigen Mädchen ohne kulturelles Kapital irgendwie gleichberechtigt sein könnte, ist extrem unwahrscheinlich. Geschlechterverhältnisse werden innerhalb von Machtverhältnissen nicht nur durch institutionelle Benachteiligungen („Gläserne Decke“) reproduziert, sondern auch im Alltag. Zum Beispiel an der Hotelbar nach einem Konzert. 


Perspektive der Betroffenen
Zu Recht klagt Luzie Morgenstern ein, die Opfer nicht nur als Ausgelieferte wahrzunehmen und ihnen vor allem zuzuhören, und nicht nur dem Täter. Um nicht allein deren Perspektive zu diskutieren. Marie Franz, die in „Auserwählt“ ihre Begegnung mit Wecker und die Folgen beschreibt, sagt rückblickend im Gespräch mit dem feministischen Magazin an.schläge:
„Heute kann ich mit Mitgefühl und Schmerz auf das damalige Mädchen blicken und sehe den Unterschied zwischen einem gebrochenen Herzen durch einen Gleichaltrigen und der Erfahrung, von einem erwachsenen Mann benutzt worden zu sein. Für die Psyche und das Selbstwertgefühl ist das etwas völlig anderes. Natürlich wusste ich schon damals, dass er mir Schmerz zufügt.“
Diese Erfahrungen und ihre rückblickende Einordnung decken sich im Wesentlichen mit denjenigen von Johanna, der Frau, deren Geschichte von der Süddeutschen Zeitung recherchiert und rund ein Jahr vor Franz´ Buch veröffentlicht worden war. Eine solche Beziehung ist nicht ohne die ihr zugrundeliegenden Machtverhältnisse zu verstehen. Sie zu sehen und danach zu handeln, fordert Franz auch von Männern ein. 
„Dieser über vierzig Jahre ältere Mann hätte sehen müssen, wie verletzlich eine Teenagerin ist, die ihn anhimmelt – die ihm sogar sagt, dass er ‚wie ein Gott’ für sie ist. Ich habe ihm einen langen Liebesbrief geschrieben, er wusste, wie stark ich emotional involviert war. Und dann meinen Körper zu benutzen, ihn danach wegzuwerfen und auf meinen Gefühlen herumzutrampeln – das richtet schlimmen Schaden an. Meine Probleme in späteren Beziehungen, Panikattacken und anderes konnte ich lange nicht damit in Verbindung bringen.“


Glaubwürdigkeitsproblem
Eine Aufmerksamkeit für die Folgen des eigenen Tuns ist erst Recht von solchen Männern zu erwarten, die sich selbst als Kritiker der Macht und der Mächtigen verstehen und darstellen. Handeln sie entgegen der eigenen Ansprüche, verlieren sie zu Recht an Glaubwürdigkeit.
In Bezug auf Wecker sieht Marie Franz das auch so: „Der große Widerspruch besteht für mich tatsächlich darin, dass er jahrzehntelang öffentlich für Haltung, Zivilcourage, Solidarität und den Kampf gegen Machtmissbrauch eingetreten ist. Er war für viele Menschen eine Symbolfigur dafür, aufrecht durchs Leben zu gehen und Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie im an.schläge-Interview.

Luzie Morgenstern legt nahe, wer Wecker für sein Tun kritisiere, gehe selbst bürgerlichen, moralischen Normen auf den Leim: sich untadelig und anständig verhalten zu sollen. Muss nicht gerade dagegen rebelliert werden? Nein, denn das Glaubwürdigkeitsproblem entsteht nicht, wie Morgenstern unterstellt, weil die Kritiker*innen letztlich auch Spießer*innen sind. Sondern das Glaubwürdigkeitsproblem entsteht aus dem selbstformulierten Anspruch, als Anarchist*in nicht nur komplexe Herrschaftssysteme in Frage zu stellen, sondern diese Infragestellung auch in Praxis umzusetzen. Das geht nie widerspruchsfrei in einer verherrschafteten Gesellschaft, und doch war es immer eine Maxime anarchistischer Haltungen, im Hier und Jetzt zu beginnen mit dem revolutionären Umsturz und zwar in ganz alltäglichen Handlungen. Der anarchistische Anthropologe David Graeber sieht in solchen solidarischen Handlungen sogar den Kern des Anarchismus. Aber hier geht es auch nicht darum, ob ich als Anarchist*in an einer Uni lehren, Markenschuhe tragen oder ein Erbe annehmen darf, ohne mit meiner Haltung in Widerspruch zu geraten. So komplex ist der Fall Wecker gar nicht.


Mündigkeitsproblem
Die rückblickenden Schilderungen von Marie Franz und Johanna lassen die Teenager, die sie waren, nicht als völlig willenlose Objekte erscheinen, sondern sie zielen auf deren besondere Verletzlichkeit in dieser Lebensphase. Werden sie entmündigt, wenn sie vor allem als Ausgelieferte beschrieben werden? Das Mündigkeitsproblem ist ernst zu nehmen und inwiefern hier auch einer gesellschaftlichen Infantilisierung zugearbeitet wird, ist sicherlich im Blick zu halten. Aber es ist etwas anderes, als weiblicher Teenager eine Beziehung zu einem berühmten männlichen Musiker einzugehen, als auf eine Demo zu gehen oder andere Entscheidungen zu treffen, die nicht so intim, so grundlegend sind und die nicht so verletzlich machen. Autonomieanspruch und Schutzgebot müssen sehr sensibel miteinander vermittelt werden. Es ist ja durchaus sinnvoll, Jugendliche vor Gewalt oder Drogen zu schützen. Damit wird ihnen nicht jegliche Kompetenz und Autonomie abgesprochen. Denn die Mündigkeit ist ein Prozess und kein einmal eintretendes Ereignis, sie vollzieht sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und erprobt sich an verschiedenen Gegenstandsbereichen, in denen sich die Verantwortung für das eigene Handeln erst herausbildet. Man(n) braucht jedenfalls nicht einmal Anarchist*in zu sein, um hinsichtlich sozialer Beziehungen davon auszugehen: Die Verletzlicheren sollten geschützt, nicht ausgenutzt werden.


Strategieproblem
Nach meinem kritischen Kommentar „Antifeminismus als Normalität“ zu Noam Chomskys Bagatellisierung der Machenschaften von Jeffrey Eppstein in der GWR 508 vom April 2026 schrieb mir ein Genosse, man solle sich mal die Effekte dieser „Kampagne“ gegen Chomsky ansehen, und: „so erfolgreich ist die Linke nicht zur Zeit“.
Ähnlich wird auch in Bezug auf Wecker und seiner Männlichkeitsperformance argumentiert: mit ihr allzu hart ins Gericht zu gehen, schade der Linken. Das ist ein strategischer Hinweis, der bereits aus vielen anderen Debatten um Künstler, Intellektuelle und Politiker bekannt ist, die sich sexistisch verhalten haben: Lieber nicht zu hoch hängen, denn die Rechten freuen sich.
Dem ist allerdings zweierlei entgegenzuhalten: Die gescheiterten Versuche von Linken, irgendwie „konsequent“ zu sein, werden von Rechten immer mit Häme quittiert. Für Rechte sind solche Versuche, politische Ansprüche im Alltag geltend zu machen, ohnehin immer entweder „woker Fanatismus“ oder „inkonsequent“. Sie zu beschwichtigen, ist sinnlos. Stattdessen sollten Linke Fehler und Verwerfungen nutzen, um die eigenen Anliegen weiterzubringen. Denn zweitens ist es kein Manko, die eigenen Schwächen und Fehler einzugestehen, auch wenn Rechte damit ihre Ressentiments füttern, sondern der Ausgangspunkt für Fortschritt. Den sollten wir lieber selbst in die Hand nehmen, auch wenn sie dabei schmutzig wird, als sie den Gegner*innen zu überlassen. 

Enttäuschend ist von daher auch das Statement Weckers zu den Anschuldigungen. Mit keinem Wort geht er auf die konkreten Vorwürfe ein, die er offenbar selbst nicht einmal gelesen hat – „liebe Menschen“ hätten ihm davon berichtet. Dennoch bezeichnet er die Artikel in der SZ als „Kampagne“, gegen die er gerichtlich vorgegangen sei und bedankt sich bei jenen, die „in dieser schwierigen Zeit“ zu ihm stehen. Er stellt sich also als Opfer dar. Dass aber er es war, der anderen Leid zugefügt und ihnen wirklich „schwierige Zeiten“ beschert hat, darüber schweigt sich Wecker völlig aus. Null Empathie, kein Wort der Entschuldigung. Fehler einzugestehen fällt wohl allen schwer. Analytische Herrschaftskritik ist sicherlich nicht leicht, wenn man(n) sich selbst in den Fokus rücken muss. Aber zu denen, die man verletzt hat, nicht einmal sagen zu können, „es tut es mir leid!“, ist einfach erbärmlich.

Jens Kastner
 

 


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