Termine

a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner
Vorlesung im Sommersemester 2022
Ästhetik und Kunstsoziologie II (040.091)

Dienstags, zweiwöchentlich, 10–13h, Schillerplatz 3, Raum M20.
08.03., 22.03., 05.04., 03.05., 17.05., 31.05., 14.06., 28.06. Schillerplatz 3, Raum M20.

Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik

Seit einigen Jahren ist ein regelrechter Boom dekolonialistischer Ansätze zu verzeichnen: In den theoretischen Debatten der Kultur- und Sozialwissenschaften werden die alten Fragen sozialer Ungleichheit und kultureller Differenz vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte und ihrer Effekte neu verhandelt. In den politischen Aktivismen ist der Ruf „decolonize!“ nicht mehr zu überhören, er bezieht sich auf Gegenstandsbereiche wie „die Stadt“, auf Ereignisse wie die „Revolten von 1968“ oder auch auf akademische Disziplinen wie die Soziologie.
Aber was ist dekolonialistische Theorie? Was sind ihre zentralen Begrifflichkeiten und Problemstellungen? Wo liegen ihre Ursprünge, was macht ihre Genese aus? Worin unterscheidet sich dekolonialistische von postkolonialistischer Theorie? Was bedeutet Dekolonisierung, wenn damit nicht nur das Ende des militärisch-politischen Kolonialismus gemeint ist?
Die Struktur der globalen Machtverhältnisse ist bis heute vom Kolonialismus geprägt. Der peruanische Soziologe nennt diese Prägung die „Kolonialität der Macht“. Die Kolonialität ist das Weiterwirken kolonialer Denk- und Wahrnehmungsweisen auch nach dem Ende politisch-militärischer Kolonialherrschaft. Sie schafft und reproduziert sozial wirksame Klassifizierungen und prädisponiert gesellschaftliche Konflikte. Um die Kolonialität offenzulegen und gegen sie anzugehen, bedarf es eines „epistemtischen Ungehorsams“ (Walter Mignolo). Dekolonisierung kann dann einerseits in Formen des uneindeutigen „Grenzdenkens“ (Gloria Anzaldúa) münden, andererseits kann aber auch der Kampf um „die Bejahung des Anderen als anderer“ (Enrique Dussel) eine Schlussfolgerung dekolonialistischer Anliegen sein.
Die Bezeichnung dekolonialistische Theorie ist zwar noch relativ jung. Die vor allem in Lateinamerika aufgekommenen Debatten in diesem Kontext knüpfen aber doch zweifelllos an historische Problemstellungen an: José Carlos Mariátegui hatte in den 1920er Jahren bereits auf die Effekte kultureller Kodierung – Menschen als ethnisch/ rassialisiert zu betrachten – für die soziale Ungleichheit und damit auch für die (marxistische) Sozialtheorie hingewiesen. Die Dependenztheorien der 1960er und 70er Jahre haben die modernisierungstheoretischen Annahmen der eurozentrischen Sozialwissenschaften in Frage gestellt. Eine Infragestellung, an der auch heutige Diskussionen wieder anknüpfen und die sicherlich zu einem umfassenden Verständnis der globalen sozialen Ungleichheit beitragen kann.



A… kademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Ästhetik und Kunstsoziologie III/ Kritische Theorien Modul III
Seminar im Sommersemester 2022
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Dienstags, zweiwöchentlich, 10-13h, Schillerplatz 3, Raum M20.
15.März, 29.März, 12.April, 26.April, 10.Mai, 24.Mai, 21.Juni 2022

„What do you represent?“
Kunstsoziologische Perspektiven auf den Zusammenhang von Kunstproduktion und Aktivismus


„What do you represent?“ Ein Banner mit dieser Frage hing 2009 im Eingang der Akademie der bildenden Künste Wien. Es war zu Beginn der Studierendenproteste gegen die Bologna-Reform, die damals den gesamten deutschsprachigen Raum ergriffen hatte. Die Frage findet sich titelgebend auch auf einem Foto der feministischen Künstlerin Hannah Wilke (1978) und sie ist da schon ein Zitat von Ad Reinhardt, der sie in seiner Comic-Serie How to Look at Art, Arts & Architecture (1947) gestellt hatte.

Die Infragestellung von Repräsentation – Darstellung, Vorstellung, Stellvertretung – durchzieht sowohl die Geschichte künstlerischer Positionierungen als auch jene emanzipatorischer sozialer Bewegungen. Sie wurde von marginalisierten und häretischen Positionen aus aufgeworfen und jeweils spezifisch formuliert (impressionistisch, surrealistisch, feministisch, post- und dekolonialistisch …) und als Taktik in Kämpfen benutzt. So selbstverständlich diese Gemeinsamkeit auch scheint, so groß sind doch auch die „strukturellen Gräben“ (Pierre Bourdieu) zwischen Kunstproduktion und sozialen Bewegungen. Worin sie bestehen und wie die „regelmäßige Ausnahmen“ der Verknüpfung von Kunstproduktion und sozialen Bewegung im Kontext verschiedener theoretischer Ansätze konzipiert wird, ist Thema dieses Seminars. Vor dem Hintergrund verschiedener Konjunkturen sozialer Mobilisierungen stehen die Bedingungen der Möglichkeit angemessener Theoretisierung im Fokus der Lehrveranstaltung.


]a[ Akademie der bildenden Künste
Institut für das künstlerische Lehramt
Seminar im Sommersemester 2022
KB 4.2 / MS 4.5 Gesellschaftstheorie

Mittwochs, 9-12h, zweiwöchentlich, Karl-Schweighofer-Gasse, Hörsaal 306. 
02.03., 16.03., 30.03., 27.04., 11.05., 25.05., 08.06., 22.06.

„Der Schritt, den wir nicht machen können“
Materialistische Sozialtheorie und Kunst


Das Anliegen, sich wieder mit dem Kunstwerk als solchem zu beschäftigen, beschrieb der Soziologe und Kulturwissenschaftler Raymond Williams in seinem Buch Sociology of Culture(1981) als „Schritt, den wir nicht machen können“. Warum nicht? Ohne soziale Kontexte, so Williams, sind künstlerische Arbeiten nicht nur nicht zu begreifen. Ihre Existenz selbst ist eine durch und durch gesellschaftliche. Als soziokulturelle Kategorie sollte sie auch in ihrer Form untersucht werden.
Nicht alle gesellschaftstheoretischen Ansätze haben sich auch systematisch mit Kunst beschäftigt, aber doch einige: Vor allem in der Tradition des kulturellen Materialismus sind verschiedene Modelle entwickelt worden, künstlerische Praktiken zu beschreiben und einzuordnen.
Dabei kommen sowohl praxis- als auch strukturtheoretische, subjektivistische wie objektivistische Theorieansätze zum Einsatz. Insofern gibt die jeweilige Beschäftigung mit Kunst auch Auskunft über Grundannahmen und Methoden kritischer Gesellschaftstheorie selbst.
Anhand der Diskussion ausgewählter Texte zur Kunst – von AutorInnen wie Antonio Gramsci über Pierre Bourdieu bis zu Angela McRobbie – beansprucht das Seminar, zugleich methodische und theoretische Grundlagen gesellschaftstheoretischer Analyse zu vermitteln.


Seminar für DissertantInnen und DiplomandInnen
Donnerstags, zweiwöchentlich, 10-13h (Termine siehe Akademie Online)

Privatissimum
Donnerstags, zweiwöchentlich, 10-13h (Termine siehe Akademie Online)


Universität Wien
Institut für Internationale Entwicklung
Sommersemester 2022
PD Dr. Jens Kastner und Dr. Ludger Kerkeling
Transnationale soziale Bewegungen
(240051 SE VM4 / VM3)

Freitag, 18. März 2022, 10-13h (online)
Freitag10.06.13:00 - 18:00, Samstag 11.06.10:00 - 17:00, Sonntag12.06.10:00 - 17:00
Seminarraum SG1 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1

In den letzten Jahren sind verstärkt Mobilisierungsprozesse sozialer Bewegungen zu beobachten, die sich transnational formieren. Bereits mit den in den 1990er Jahren sich formierenden, globalisierungskritischen Bewegungen hat sich dieser Trend weg vom nationalen Rahmen als „framing“ und „Gelegenheitsstruktur“ abgezeichnet. In einer neuen Bewegungskonjunktur um 2011 – Arabischer Frühling, Occupy Wall Street etc. – hat sich die Entwicklung gleichsam verstetigt und ausdifferenziert. Nicht zuletzt mit den internationalen Frauen*streiks (8M), der #MeToo-Bewgung und den Protesten gegen Abtreibungsgesetze in Polen und verschiedenen Ländern Lateinamerikas vollziehen sich transnationale Mobilisierungen bis in die Gegenwart hinein.
Im Seminar werden theoretische Analyseansätze sowie die Praxis unterschiedlicher transnational orientierter sozialer Bewegungen untersucht und diskutiert. Gearbeitet wird dabei mit einem intersektionalen Ansatz. Dies impliziert, dass politisch-soziale, ökonomische, gender-bezogene, rassismuskritische und ökologische Aspekte stets thematisiert werden.
Beispiele für die sozialen Bewegungen, die nach transnationaler Vernetzung streben – und teilweise bereits erfolgreich praktizieren – sowie transnationalistische Ansprüche formulieren, sind die Bewegung der Zapatistas aus Chiapas/ Mexiko, die Landlosenbewegung aus Brasilien, das globale Netzwerk zur kleinbäuerlichen Ernährungssouveränität La Vía Campesina, (queer-)feministische Bewegungen im Anschluss an die #MeToo-Kampagne, antirassistische Bewegungen wie Black Lives Matter, ökologische Bewegungen sowie Bewegungen, die sich antikolonial für globale Solidarität engagieren. Die Diskussion dieser verschiedenen sozialen Bewegungen in ihren jeweils spezifischen sozioökonomischen, politischen und geografischen Kontexten ermöglicht eine Vertiefung der Fragen nach Gemeinsamkeit und Unterschieden in Theorie und Praxis der Transnationalisierung.