Termine

Buchpräsentation
Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik (Münster 2022, Unrast Verlag)
Donnerstag, 6. Oktober 2022. DEPOT, Breite Gasse 3, 1070 Wien. 19h.
Gemeinsam mit Carla Bobadilla (Künstlerin, Wien).

Lehrveranstaltungen

Akademie der bildenden Künste
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner
Vorlesung im Wintersemester 2022/23
Ästhetik und Kunstsoziologie I

Dienstags 10–13h. 11.10., 25.10., 08.11., 22.11., 06.12.2022, 17.01.2023.
Raum SPMZM20

Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik
Seit einigen Jahren ist ein regelrechter Boom dekolonialistischer Ansätze zu verzeichnen: In den theoretischen Debatten der Kultur- und Sozialwissenschaften werden die alten Fragen sozialer Ungleichheit und kultureller Differenz vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte und ihrer Effekte neu verhandelt. In den politischen Aktivismen ist der Ruf „decolonize!“ nicht mehr zu überhören, er bezieht sich auf Gegenstandsbereiche wie „die Stadt“, auf Ereignisse wie die „Revolten von 1968“ oder auch auf akademische Disziplinen wie die Soziologie.
Aber was ist dekolonialistische Theorie? Was sind ihre zentralen Begrifflichkeiten und Problemstellungen? Wo liegen ihre Ursprünge, was macht ihre Genese aus? Worin unterscheidet sich dekolonialistische von postkolonialistischer Theorie? Was bedeutet Dekolonisierung, wenn damit nicht nur das Ende des militärisch-politischen Kolonialismus gemeint ist?
Die Struktur der globalen Machtverhältnisse ist bis heute vom Kolonialismus geprägt. Der peruanische Soziologe nennt diese Prägung die „Kolonialität der Macht“. Die Kolonialität ist das Weiterwirken kolonialer Denk- und Wahrnehmungsweisen auch nach dem Ende politisch-militärischer Kolonialherrschaft. Sie schafft und reproduziert sozial wirksame Klassifizierungen und prädisponiert gesellschaftliche Konflikte. Um die Kolonialität offenzulegen und gegen sie anzugehen, bedarf es eines „epistemtischen Ungehorsams“ (Walter Mignolo). Dekolonisierung kann dann einerseits in Formen des uneindeutigen „Grenzdenkens“ (Gloria Anzaldúa) münden, andererseits kann aber auch der Kampf um „die Bejahung des Anderen als anderer“ (Enrique Dussel) eine Schlussfolgerung dekolonialistischer Anliegen sein.
Die Bezeichnung dekolonialistische Theorie ist zwar noch relativ jung. Die vor allem in Lateinamerika aufgekommenen Debatten in diesem Kontext knüpfen aber doch zweifelllos an historische Problemstellungen an: José Carlos Mariátegui hatte in den 1920er Jahren bereits auf die Effekte kultureller Kodierung – Menschen als ethnisch/ rassialisiert zu betrachten – für die soziale Ungleichheit und damit auch für die (marxistische) Sozialtheorie hingewiesen. Die Dependenztheorien der 1960er und 70er Jahre haben die modernisierungstheoretischen Annahmen der eurozentrischen Sozialwissenschaften in Frage gestellt. Eine Infragestellung, an der auch heutige Diskussionen wieder anknüpfen und die sicherlich zu einem umfassenden Verständnis der globalen sozialen Ungleichheit beitragen kann.
Während der Aufschwung dekolonialistischer Ansätze in Forschung, Theorie und Politik der Gegenwart kaum zu bezweifeln ist, mehren sich auch die Kritikpunkte an ihnen: Es wird die Geschlechtsblindheit vieler Ansätze beklagt, die Vereinheitlichung sehr unterschiedlicher geopolitischer Situationen wird bemängelt, der Antisemitismus in der Einschätzung von Israel als kolonialem Staat und die Verabsolutierung von Differenz wird kritisiert und damit auch die unreflektierte Bezugnahme auf den politisierten Islam.
Die Vorlesung stellt die Ideen- und Diskursgeschichte der dekolonialistischen Theorieansätze dar und diskutiert zentrale Theoreme und Begrifflichkeiten.

Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Ästhetik und Kunstsoziologie III/ Kritische Theorien Modul III
Seminar im Wintersemester 2022/23 (040.082)
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Dienstags, 10-13h. 18.10.2022, 15.11.2022, 29.11.2022, 13.12.2022, 10.01. 2023, 24.01.2023. Raum SPMZM20

Institution, Institutionskritik, Instituierung.
Kunstsoziologische Perspektiven auf institutionelle Praktiken und Formationen

Von der „Institution Kunst“ sprach Peter Bürger einst in seiner Theorie der Avantgarden, um den gesamten gesellschaftlichen Bereich künstlerischer Produktion und Rezeption sowie ästhetischer Diskurse zu bezeichnen. Demgegenüber untersuchte stärker soziologisch ausgerichtete Forschung eher einzelne Institutionen (Museum, Akademie, usw.) innerhalb des als System oder Feld verstandenen Kunstbereiches. Mit der Feststellung jedenfalls, dass Praktiken sich zu Instititionen verdichten, wuchs auch die Kritik an den jeweiligen Formen und Effekten von Institutionalisierungsprozessen. Dabei wurden Institutionskritiken sowohl kunst- und gesellschaftstheoretisch, als auch aus künstlerischen Praktiken selbst heraus entwickelt. Eine eigene künstlerische Gattung der Institutionskritik entstand im Laufe der 1960er Jahre, parallel zur zunehmenden Infragestellung gesellschaftlicher Institutionen durch soziale Bewegungen. Während kunstfeldimmanente Kritik am Betrieb mittlerweile zu verschiedenen „Generationen“ der Institutionskritik kanonisiert wurde, gibt es zugleich (theoretisch wie praktisch orientierte) Strömungen, die sich gegenüber der „Wiedereingliederung in die Zweckform der Kunst“ (Stefan Nowotny) versperren. Im Anschluss an die postoperaistische Theorieansätze wurde in den 2000er Jahren vermehrt nach alternativen Formen der Instituierung gefragt. Zuletzt schrieb auch ruangrupa, das Leitungsteam der documenta fifteen, aus einer dekolonialistischen Perspektive von „collectives as an alternative to institutions“.
Die Lehrveranstaltung zeichnet den institutionskritischen Diskurs innerhalb von Kunsttheorie und -praxis vor dem Hintergrund einer kunstsoziologischen Perspektive nach.
Das Seminar führt die Auseinandersetzung um Gegenstandsbereiche der Kunstsoziologie – Produktion, Rezeption/ Publikum, Kunst & Soziale Bewegungen – aus den letzten Semestern fort. Die Teilnahme an den vorherigen Seminaren ist ausdrücklich keine Bedingung für die Teilnahme in diesem Semester.

Akademie der bildenden Künste
Institut für das künstlerische Lehramt
Seminar im Wintersemester 2022/23 (040.082)
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner
KB 4.2 / MS 4.5 Gesellschaftstheorie (060.142)

Mittwochs, 9.30-13h, zweiwöchentlich: 12.10., 09.11., 23.11., 07.12., 18.01.
Raum KSG0301.

„Der Schritt, den wir nicht machen können“
Materialistische Sozialtheorie und Kunst

Das Anliegen, sich wieder mit dem Kunstwerk als solchem zu beschäftigen, beschrieb der Soziologe und Kulturwissenschaftler Raymond Williams in seinem Buch Sociology of Culture (1981) als „Schritt, den wir nicht machen können“. Warum nicht? Ohne soziale Kontexte, so Williams, sind künstlerische Arbeiten nicht nur nicht zu begreifen. Ihre Existenz selbst ist eine durch und durch gesellschaftliche. Als soziokulturelle Kategorie sollte sie auch in ihrer Form untersucht werden.
Nicht alle gesellschaftstheoretischen Ansätze haben sich auch systematisch mit Kunst beschäftigt, aber doch einige: Vor allem in der Tradition des kulturellen Materialismus sind verschiedene Modelle entwickelt worden, künstlerische Praktiken zu beschreiben und einzuordnen.
Dabei kommen sowohl praxis- als auch strukturtheoretische, subjektivistische wie objektivistische Theorieansätze zum Einsatz. Insofern gibt die jeweilige Beschäftigung mit Kunst auch Auskunft über Grundannahmen und Methoden kritischer Gesellschaftstheorie selbst.
Anhand der Diskussion ausgewählter Texte zur Kunst – von AutorInnen wie Antonio Gramsci über Pierre Bourdieu bis zu Angela McRobbie – beansprucht das Seminar, zugleich methodische und theoretische Grundlagen gesellschaftstheoretischer Analyse zu vermitteln.

]a[ Akademie der bildenden Künste Wien
Institut für Kunst und Kulturwissenschaften
Seminar für Diplomand_innen und Dissertant_innen (040.102)
Seminar im Wintersemester 2022/23
PD Dr. phil. habil. Jens Kastner

Zweiwöchentlich donnerstags, 11-13h
13.10., 27.10., 10.11., 24.11., 19.01.

„An Unterschieden“, schrieb Georg Simmel in seiner Soziologischen Ästhetik (1896), „sind unsere Empfindungen geknüpft, die Wertempfindungen nicht weniger als die des Haut- und Wärmesinns“. An Unterschieden richtet sich nicht nur das Ästhetische – verstanden als Denk-, Gefühls- und Wahrnehmungsweisen – aus, sondern auch Wissenschaft ist unterscheiden und begründen. Die Kunstsoziologie kann so gesehen auch als Vermittlung zwischen Ästhetik und empirisch-theoretischen Wissenschaften fungieren.
Das Seminar soll Grundlagen kunstsoziologischer Theorie vertiefen und die Möglichkeit bieten, über aktuelle Fragestellungen Ansätze und Methoden zu diskutieren.