in: graswurzelrevolution, Münster, Nr. 501, September 2025, S. 9-10.
Staatsbürgerliche Mobilmachung
Die allgemeine Wehrpflicht führt nicht zu mehr Partizipation, Emanzipation oder gar Frieden
Die Debatte um die „Wehrpflicht“ bzw. Kriegsdienstpflicht ist in vollem Gange. War die „Wehrpflicht“ in Deutschland 2011 ausgesetzt – nicht abgeschafft – worden, ist zwar eine Reaktivierung im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung nicht vorgesehen. Dennoch treten in letzter Zeit nicht nur konservative Politiker:innen immer wieder für die Wehrpflicht ein. Dabei mehren sich auch Stimmen, die die Allgemeinheit der allgemeinen Wehrpflicht noch ausgeweitet sehen wollen. So forderte zuletzt die feministische Publizistin und Mit-Gründerin des Missy Magazines, Stefanie Lohaus, in einem Gastbeitrag im Nachrichtenmagazin Der Spiegel: „Frauen an die Waffen!“ (1) Die Argumente, die sie dabei anführt, sind nicht neu. Ihnen ist dringend zu widersprechen.
Unter bestimmten Voraussetzungen, so die These von Lohaus, könne die Wehrpflicht eine Gesellschaft sogar weiterbringen. Dafür nennt sie drei Argumente, die eher Annahmen oder Behauptungen sind.
Das Partizipationsargument
Erstens könne eine inklusive Wehrpflicht helfen, Geschlechterklischees abzubauen und die Rolle von Frauen zu stärken. Die „enge Verknüpfung zwischen Staatsbürgerschaft und Wehrfähigkeit“ habe dazu geführt, dass Frauen weniger Rechte hatten und beispielsweise nicht wählen durften. „Ihre unbezahlte Sorgearbeit im Haushalt und der Familie entsprach nicht den staatlich definierten Kategorien von Dienst und Pflicht.“ Diese Argumentation haben auch linke Sozialwissenschaftler:innen wie Wolfgang Streeck immer wieder formuliert. So wurde der Kriegsdienst gar als Ausdruck der den Sozialstaat organisierenden, „solidarischen Verpflichtungen“ (2) interpretiert.
Wenn die Verknüpfung von Staatsbürger:innenschaft und Wehrfähigkeit, von Rechten und Pflichten, nicht in Frage gestellt wird, ist es nur folgerichtig, dass nun auch Frauen in diese Pflicht am Gemeinwohl integriert werden sollen. Erst damit, so die Vorstellung, wird ihnen volle Partizipation gewährt. Mehr Partizipation könne dann auch Klischees verändern, Frauen würden schließlich also weniger zu passiven Objekten des Schutzes und vielmehr wehrhaft und handlungsfähig gemacht.
Aus emanzipatorischer Sicht muss dem Partizipationsargument entgegengehalten werden, dass ein Recht auf Rechte nicht an Pflichten gebunden sein sollte. Anstatt die Verknüpfung von staatsbürgerlichen Rechten und Ableistung des Kriegsdienstes zu bestätigen, sollte sie kritisiert und in Frage gestellt werden. Dass dieses Zugehörigkeitsprinzip hinterfragt werden muss, anstatt für seine Erweiterung einzutreten, finden auch die anderen Herausgeberinnen des Missy Magazine, Sonja Eismann, Chris Köver und Margarita Tsomou, die ihrer Kollegin öffentlich widersprochen haben. Dem vermeintlich feministischen Impetus des Eintretens für die Wehrpflicht halten Eismann u.a. andere entgegen:
„Statt der veralteten Rhetorik von Patriotismus wird jetzt Feminismus zur pinken Glasur der soldatischen Heldenerzählung. Dass das patriotische ‚Wir’ von einem diversitätssensiblen ersetzt wird, täuscht darüber hinweg, dass mit diesem ‚Wir’ die Bevölkerung hinter einer Nation zusammengeschweißt wird, die Grenzen für Asylsuchende schließt, rassistische Migrationspolitik betreibt, Waffen in Unrechtsregime liefert und Frauenhäuser sowie Diversitätsprojekte schließt“ (3). Darüber hinaus weisen sie drauf hin, dass eine Ausweitung der Wehrpflicht auch auf Frauen keineswegs im Kontext einer prinzipiellen Erweiterung von Partizipation stehen muss: „Besonders zynisch: Dieselben Politiker*innen, die uns den Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen verwehren, Gewaltschutzgesetze sabotieren und andere feministische Forderungen aktiv behindern, sprechen jetzt von Gleichberechtigung bei der Wehrpflicht.“
Aber auch ein anderes Argument gegen die Verallgemeinerung der Kriegsdienstpflicht sollte in Erinnerung gerufen werden: Auch das Allgemeine an der allgemeinen Wehrpflicht ist Ideologie. Sie tut so, als würde eine Gleichbehandlung (von Männern und Frauen, aber auch Reichen und Armen) alle gleich treffen. Dem ist aber nicht so. Sogar das Verfassungsgericht hat bestätigt: Wer nicht gerade bei der Bundeswehr bleibt, für die oder den ist die Wehrpflicht ein nicht selbstgewählter Eingriff in den Lebenslauf. Wer ohnehin durch Diskriminierungen benachteiligt ist, Frauen zum Beispiel, den bzw. die trifft so ein Eingriff härter. Die Zwangspause für die Lebensplanung ist umso schwieriger auszugleichen, je weniger Ressourcen zugänglich sind. Die vermeintliche Gleichbehandlung fördert also bestehende Ungleichheiten, anstatt sie auszugleichen.
Das Zivilisierungsargument
Im Hinblick auf mehr Geschlechtergerechtigkeit steht das Partizipationsargument außerdem einer anderen Annahme entgegen, die ebenfalls für die Kriegsdienstpflicht auch für Frauen ins Feld geführt wird, nämlich dem Zivilisierungsargument. Auch die diesem Argument zugrunde liegende Frage ist nicht neu: Verändert die Institution das Individuum und formt das Kollektive (Militarisierung der Gesellschaft) oder können Individuen kollektiv die Institution verändern (Zivilisierung der Armee)?
Das Zivilisierungsargument fußt wiederum auf Annahmen, die der queerfeministischen Forderung nach Abbau von Geschlechterklischees eher entgegenstehen statt nachkommen.
Denn tatsächlich wird die Wehrpflicht für Frauen oft auf der Grundlage von Vorstellungen über geschlechtsspezifische Habitus gefordert, die bestehende Klischees eher bestärken.
Einerseits ist sicherlich etwas dran: Wenn auch nicht durch biologische Dispositionen, so sind Menschen, die als Frauen sozialisiert werden, doch häufiger eingeübt in Empathie, Care-Arbeit, usw. als Menschen, die als Männer ausgewachsen sind. Damit die Empathie sich in einer Gruppe, zumal mit militärischen Hierarchie, aber bemerkbar macht und nicht abtrainiert wird, müssen die Empathischen schon einen deutlich hörbaren Teil der Beteiligten ausmachen. Also doch Frauen massenhaft ins Heer? Nein, denn das Zivilisierungsargument ist ein Hilfssheriff-Argument, kritisiert etwa Anne Roth in der feministischen Zeitschrift an.schläge: „Wer meint, dass Frauen in der Armee doch den Effekte haben könnten, dass sich die Gesamtsituation ändert, gehört vermutlich auch zu denen, die es in der Schule für eine gute Idee halten, leise Mädchen neben laute Jungen zu setzen. Mädchen als Hilfssheriffs sozusagen. Statt zu lernen, sollen sie andere disziplinieren und werden selbst bestraft“ (4). Warum sollten Frauen dafür herhalten, andere zu zivilisieren, statt sich selbst zu entwickeln und an dem zu arbeiten, was ihnen liegt oder wichtig ist? Oder kann das Ableisten der Wehrpflicht selbst emanzipatorisch sein? Das ist Lohaus´ zweites Argument.
Das Emanzipationsargument
Zweitens könne es nach Lohaus für Frauen emanzipatorisch sein, sich an der Waffe ausbilden zu lassen.
Nun würde es an Realitätsverleugnung grenzen, würde man aus einer pazifistischen Grundhaltung heraus jede emanzipatorische Wirkung von Waffengebrauch abstreiten (auch wenn man sie moralisch fragwürdig findet). Die Milizionärinnen im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), bevor sie durch die Eingliederung der Milizen in die reguläre Armee wieder zu Care-Tätigkeiten wie Kochen und Pflegen verdammt waren, hatten mit den Geschlechternormen gebrochen. Auch jene Frauen, die als Guerilleras in Reihen der Zapatistas in Chiapas/ Mexiko oder in Rojava mit der Waffe kämpfen, haben ihre Handlungsmöglichkeiten erweitert. Aber können diese Beispiele als Argumente für eine „Wehrpflicht“ bzw. Kriegsdienstpflicht auch für Frauen in Deutschland 2025 herhalten? Nein. Denn anders als bei der Guerilla ist die Wehrpflicht ein Zwangsdienst für einen nicht selbstgewählten Zweck. Sie ist immer ein Zwangsdienst an der bundesrepublikanischen und der NATO-Verteidigungsstrategie – und was im politischen Diskurs dafür ausgegeben wird.
Diese Emanzipationsvorstellung ist im Übrigen jener nicht unähnlich, die vor Jahrzehnten von so mancher K-Gruppe vertreten wurde: Die Ausbildung an der Waffe könne im Zweifel auch für den guten Zweck eingesetzt werden. Allerdings blieben die Vertreter:innen dieser These die Beispiele von Werdegängen schuldig, die von der Bundeswehr in den militanten Kampf für eine bessere Gesellschaft führten.
Das Werte-Argument
Aber selbst wenn in Rechnung gestellt wird, dass die Wehrpflicht auch zugunsten einer Verteidigung von bestimmten Werten absolviert wird, was für Werte sollen das sein?
Die westlichen Demokratien bestehen nicht nur aus nomineller Gleichberechtigung, Rechtssicherheit, Sozialstaat und anderen Effekten der Kämpfe der Arbeiter:innenbewegungen, sondern aus Ergebnissen und Dynamiken kapitalistischer und kolonialer Ausbeutung. Was hier „verteidigt“ wird und was nicht, lässt sich von der oder dem einzelnen Kriegsdienstpflichtigen wohl kaum entscheiden.
Selbst wenn es um die Verteidigung von Demokratie und Humanismus gegen Despoten wie Wladimir Putin geht, warum sollten sich diese Werte ausgerechnet im Militärdienst verwirklichen? Denn ob mit oder ohne Frauen, es bleibt dabei: Die Wehrpflicht führt zu einer Militarisierung der Gesellschaft, nicht zu einer Zivilisierung des Militärs. Sie würde Teil einer „Militarisierung der Herzen“ werden, vor der Georg Seeßlen in konkret (5) gewarnt hat. Diese Militarisierung wird laut Seeßlen derzeit auf verschiedenen Ebenen betrieben: ökonomisch, durch die Öffnung zwischen den zivilen und militärischen Subsystemen der Gesellschaft, durch die Sprache, die Mode und die Bilder. Die „Kriegstüchtigkeit“ als Wunsch und Wille in den Individuen zu verankern, dazu würde die Wehrpflicht beitragen.
Das Argument Friedenspolitik
Das ist auch Lohaus´ dritter Behauptung entgegenzuhalten, dass wenn Zivildienste als gleichwertige Option zur Bundeswehr gelten würden, „der friedenspolitische Gedanke der feministischen Bewegungen weiterentwickelt werden“ kann, statt ihn zu verraten.
Dieses Argument verkennt zudem den Charakter des Zivildienstes, der eben kein Friedens-, sondern ein Zwangsdienst ist. Die Wehrpflicht schließlich verweigern zu können und damit sogar friedenspolitisch aktiv zu sein, ist ein Scheinargument (das auch von Lena Marbacher in Der Freitag aufgefahren wurde) (6), weil auch der Zivildienst die Wehrpflicht erfüllt und damit Teil des NATO-Gesamtverteidigungskonzeptes ist. Verweigert werden kann nur der Dienst an der Waffe, nicht die Ableistung der Wehrpflicht. Die Wehrpflicht als ganze abzulehnen, also total zu verweigern, stünde nach wie vor unter Strafe und würde, wie gehabt, als Fahnen- oder Dienstflucht juristisch verfolgt.
In seinem aktuellen Essay über Pazifismus schreibt der taz-Journalist Pascal Beucker, es müsse als Grund für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung reichen, nicht töten und leben zu wollen. Wie im Nationalsozialismus, so „auch heute noch“ (7). Das muss auch für die Integration in das Gesamtverteidigungskonzept eines Nationalstaates gelten: Niemand sollte zur Partizipation daran gezwungen werden. Eine antimilitaristische oder pazifistische Haltung ist nicht mit der Wehrpflicht umzusetzen, sondern nur gegen sie. Gerade weil sich die Herstellung von Kriegstauglichkeit im Dienste von sogenannter Gesamtverteidigung vollzieht und damit auch Teil der kapitalistischen Akkumulationsstrategien ist, kann sich antimilitaristischer Aktivismus nicht im Vertrauen auf bestehende Institutionen entwickeln.
Argumente gegen die Wehrpflicht müssen schließlich nicht unbedingt anarchistisch sein: Es lässt sich durchaus gegen die Wehr- und zugleich für die Steuerpflicht argumentieren. Beides sind staatliche Eingriffe in das individuelle und kollektive Leben. Um der Gleichsetzung zu entgehen, muss über mehr als Zweck und Form des Eingriffes diskutiert werden. Nämlich über Inhalte. Denn wenn schon „Pflicht, die eine Gesellschaft weiterbringen“ (Lohaus) soll, warum dann ausgerechnet eine Wehrpflicht? Warum schlagen Liberale wie Lohaus dann nicht eine Sozialpflicht angesichts zunehmender sozialer Ungleichheit vor, warum nicht eine Ökologie-Pflicht angesichts der Klimakatastrophe, sondern verordnete, gesamtgesellschaftliche Investitionen in Mensch und Material für den Krieg – wie irre diese Idee eigentlich ist, gerät bei der Diskussion der Detailfragen leider allzu oft aus dem Blick.
Jens Kastner
Anmerkungen:
1) Stefanie Lohaus: „Frauen an die Waffen. Demokratie verteidigen heißt Verantwortung übernehmen – auch für Frauen. Eine Wehrpflicht für alle könnte die Gesellschaft stärken“. In: Der Spiegel, 04.06.2025, www.spiegel.de/politik/deutschland/wehrpflicht-debatte-auch-frauen-sollten-an-die-waffen-meinung-a-4d070ab2-3749-4e07-956f-1a9d85fabb94
2) Jens Beckert, Julia Eckert, Martin Kohli und Wolfgang Streeck: „Einleitung“. In: Dies. (Hg.): Transnationale Solidarität. Chancen und Grenzen. Frankfurt am Main/ New York 2004, S. 9-14, hier S. 11.
3) Sonja Eismann, Chris Köver und Margarita Tsomou: „Die Fahne des Feminismus. Die Missy-Herausgeberinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Margarita Tsomou zur Wehrpflichtsdebatte für Frauen.“ In: Missy Magazine, 18.06.2025, missy-magazine.de/blog/2025/06/18/die-fahne-des-feminismus/
4) Anne Roth: „Keine Hilfssheriffs“. In: an.schläge. Das feministische Magazin, Nr. IV/2025, S. 33
5) Georg Seeßlen: „Jetzt aber richtig: Wiederbewaffnung. Georg Seeßlen über die Militarisierung der Herzen“. In: konkret 6/2025, S. 24-26.
6) Lena Marbacher: „Frauen und Wehrpflicht: Skandinavien macht vor, wie es klappen kann“. In: Der Freitag, 07.04.2025, www.freitag.de/autoren/lena-marbacher/frauen-und-wehrpflicht-skandinavien-macht-vor-wie-es-klappen-kann
7) Pascal Beucker: Pazifismus – ein Irrweg? Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2024, S. 150.
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