in: graswurzelrevolution, Münster, Nr. 512, Oktober 2026, S. 4.
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Popularität und Programm der Zerstörung
Die gegenwärtige Faschisierung hat eine dezidiert anti-ökologische Dimension
Der Himmel so Gelb wie der Rasen entlang der Autobahn, alle Parkplätze entlang der Strecke gesperrt wegen Brandgefahr. Dystopische Sommerurlaubsfahrten im Süden Europas 2026. Bekannte von uns mussten vom französischen Atlantik wegen der Waldbrände abreisen, von anderen bekommen wir einige Wochen später Urlaubsfotos mit rotem Himmel und Löschflugzeugen aus Kroatien. Von den brennenden Wäldern im Kongo wird erst gar nicht berichtet. Ob es dort auch so viele Hitzetote gibt? Im Sommer 2026 zählte das Robert-Koch-Institut (RKI) allein in Deutschland 16.300 Hitzetote.
Zu Hause bekamen die Fische kaum mehr genug Sauerstoff im nahegelegenen Fluss, weil dieser wegen wochenlang hohen Temperaturen zu warm war. Auf dem Rhein und der Donau wurde der Schiffsverkehr wegen Niedrigwasser zeitweise eingestellt. Die Hortensien werden in Zukunft nicht mehr die Vorgärten zieren, erklärt eine Expertin im Gartenblog. Zu heiß und zu trocken. Birken wurzeln flach, no future auch für sie.
Die Klimakatastrophe zu leugnen ist absurd und widerspricht jeder wissenschaftlichen Forschung. Auch im Alltagsverstand hatte sich die Tatsache des menschengemachten Klimawandels bereits in den 1980er Jahren etabliert. Dennoch wird im September 2026 in Deutschland eine Partei mit Abstand stärkste Kraft in einem Bundesland, die vermittelt, es sei alles nicht so schlimm, auf fossile Energieträger setzt und die bestehende Gesetze zum Klimaschutz kippen will. Auch in vielen anderen Ländern feiern rechte Parteien und Bewegungen Erfolge, die eine dezidiert anti-ökologische Politik vertreten.
Wenn die Klimakatastrophe erst einmal den Alltag der meisten Menschen erreicht hat, nicht mehr nur den der ganz Armen in den Dürreregionen und Überschwemmungsgebieten des Globalen Südens, dann, dachte ich früher, wird spätestens ein Umdenken einsetzen. Aufgewachsen im „sauren Regen“, aber auch mit Greenpeace-Stickern und Anti-Atom-Protesten, schien mir vieles darauf hinauszulaufen, dass zwar der Kapitalismus vorerst nicht abgeschafft, aber vielleicht doch die sozial-ökologische Transformation in die Wege geleitet werden könnte. Stattdessen läuft gegenwärtig alles auf die Erderwärmung um drei Grad Celsius hinaus, was katastrophale Folgen für das Leben auf der Erde haben wird.
Die naive Hoffnung auf Besserung hat die Rechnung ganz offenbar ohne den Neoliberalismus und seine Effekte gemacht. Seit den 1980er Jahren wurden nicht nur Privatisierungen und Deregulierungen betrieben, sondern auch ein hyperindividualistisches Menschenbild gesellschaftlich durchgesetzt. Der zunehmenden Prekarisierung wurde weniger mit solidarischen Haltungen als mit dem unternehmerischen Credo der Wirtschaftsverbände begegnet: dass an alle gedacht sei, wenn jede/r an sich denkt. Auf dieser Grundlage konnten die Ultrarechten ihre Politik der Rücksichtslosigkeit und Regression aufbauen.
Faschismus ist immer „präventive Konterrevolution“, wie der italienische Anarchist Luigi Fabbri schon 1921 schrieb. Es ist insofern einer der größten Erfolge der globalen Rechten, die Klima-Bewegung ausgeschaltet zu haben, die vor wenigen Jahren noch die Tagespresse ebenso beschäftigte wie politische Debatten. Das Kanzlerduell zur letzten Bundestagswahl konnte schon ohne die Thematisierung dieses wohl brennendsten Problems unserer Zeit auskommen. Die Leugnung der Klimakatastrophe ist trotz ihres Einzugs in den Alltag vielleicht nicht hegemonial, aber doch gewichtiger Teil des gängigen Meinungsspektrums geworden. Getragen von diesem Erfolg hinsichtlich der Denkweisen ziehen die Rechten an der Regierung ihre Anti-Klimapolitiken durch. Während die Trump-Regierung Klimaforschung einschränkt, CO2-Ausstoß für unbedenklich erklärt und internationale Klimaabkommen untergräbt, verhindert in Österreich die FPÖ die Errichtung von Windkraftanalgen und fordert harte Strafen für als „Klimakleber“ diffamierte Aktivist*innen. Die extrem rechte Partei liegt in derzeitigen Umfragen in der Wähler*innengunst weit vor ÖVP und SPÖ und regiert bereits in fünf von neun österreichischen Bundesländern mit.
Die Faschisierung hat also auch eine anti-ökologische Dimension. Die Philosophin Eva von Redecker sieht in ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ (2026) eine „entfesselte Eigentumslogik“ als den Kern des gegenwärtigen Faschismus. Er richtet sich gegen andere, die das Eigentum bedrohen, und deshalb liquidiert werden müssen. Aber die Faschist*innen müssen gar keine materiellen Dinge besitzen, die sie verteidigen. Es sind oft Konzepte wie die „Nation“ oder die „Familie“, also ein „Quasi-Eigentum“. Auch wenn sie materiell nichts davon haben, die von Sachsen-Anhalts AFD-Chef Ulrich Siegmund propagierte Aussicht, „wir holen uns unser Deutschland zurück“, reicht vielen für das Kreuz an der extrem rechten Stelle. Redecker definiert den Faschismus als „liquidierende Phantombesitzverteidigung“.
Aber auch im Hinblick auf die Verteilung materieller Profite wird gekämpft. Die „Bedrohung fossil befeuerter Privilegien“, schreibt Cara New Daggett in „Petromaskulinismus“ (2023), „kann autoritäre Praktiken anregen, um anhaltende Profite und privilegierte Lebensweise sicherzustellen“. SUV und Fleischkonsum (oder zumindest die Aussicht darauf) müssen verteidigt werden, nicht zuletzt gegen als „woke“ diffamierte Ansprüche auf die Veränderung der Lebensgewohnheiten.
Dass dicke Autos, Massentierhaltung und Tierfutterproduktion zu mehr klimatischen Veränderungen führen, die dann Fluchtbewegungen zur Folge haben, muss ausgeblendet werden. In der „Externalisierungsgesellschaft“ (Stephan Lessenich) werden nicht nur die Probleme in andere Weltregionen ausgelagert, sondern selbst die Tatsache, dass es sie gibt, aus dem öffentlichen Diskurs ausgeklammert. Es wird so getan, als bestünde kein Zusammenhang zwischen Dürren und Überschwemmungen einerseits und dem zwangsweisen Aufbruch vieler Menschen aus ihren ökologisch verwüsteten Regionen andererseits. So erscheinen Refugees nur als Bittsteller, die allein durch ihre Existenz den eigenen Lebensstil zu bedrohen scheinen. Insofern ist die rechte Politik der Klimakatastrophenleugnung auch direkt mit der Abschottungs- und Abschiebepolitik verknüpft. Faschismus tritt immer nur für die „seinen“ ein, für das völkische Wir, und selbst für die meist nur vorgeblich. Jedenfalls niemals für alle. Die Umwelt aber betrifft alle, und dafür sind sie nicht zuständig. Bei der „liquidierenden Phantombesitzverteidigung“ wird die eigene (imperiale) Lebensweise nicht nur gegen Gewohnheiten infrage stellende Minderheiten verteidigt, sondern auch gegen alle, die von außen kommen (könnten). „Als autoritäre Grenzpolitik beschwört die Phantombesitzverteidigung Mauern und Kontrollen, sehnt sich nach Einhegung und Schutz des homogenen Raums“ (von Redecker).
Gegen die entfesselte Eigentumslogik und gegen die essentialistischen Volk- und Nation-Identitäten haben die Zapatistas mit einer erweiterten anarchistischen Losung vor Jahren schon einen schönen, antifaschistischen Slogan lanciert: „Alles für alle! Für uns nichts!“ Dass dafür in absehbarer Zeit Mehrheiten zu gewinnen sein könnten, scheint so unwahrscheinlich wie die Rückkehr der geschmolzenen Gletscher. Anarchist*innen und andere Linke stehen vor der Aufgabe, wieder zu vermitteln, dass Toleranz und Solidarität besser sind als Rücksichtslosigkeit und Regression. Zudem muss es uns gelingen deutlich zu machen, dass die ultrarechten Projekte von einer „Zerstörungslust“ (Carolin Amlinger/ Oliver Nachtwey) beseelt sind, die nicht nur Gender Studies, queers und ethnisierte Minderheiten, sondern durch die ökologischen Verwerfungen letztlich alle treffen wird. Deshalb gehören Klimaschutz und Antifaschismus zusammen. Die Zeit drängt, denn völlig zu Recht mahnt von Redecker, dass in „der gegenwärtigen faschistischen Konjunktur neben dem Bürgerrecht auf der Erde deren Bewohnbarkeit als solche auf dem Spiel steht“. Es nützt ja nichts, die Hoffnung darauf aufzugeben, dass auch die bislang nicht geborenen Enkel noch den Wind durch die Birken rauschen hören und fühlen, die wir letztes Jahr gepflanzt haben.
Jens Kastner
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