Dario Azzellini
in: ARRANCA!, Nr. 35, Berlin, September 2006.

John Holloway. Die zwei Zeiten der Revolution. 110 S., Turia + Kant, 10,- Euro

„Würde, Macht und die Politik der Zapatistas“, so der Untertitel der aus dem Englischen und Spanischen von Jens Kastner übersetzten und eingeleiteten zehn Aufsätze Holloways. Der seit Jahrzehnten in Puebla (Mexiko) lebende, lehrende und politisch aktive John Holloway hat seit 1994, ausgehend von der Praxis und vom Diskurs der Zapatistas, an einem neuen Verständnis sozialer Transformation und revolution (mit kleinem r, damit ist die Vielfältigkeit der sozialen Kämpfe auf allen Ebenen im Gegensatz zur „großen Revolution“ gemeint) gearbeitet. Das vorliegende Bändchen bietet nach „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ (Verlag Westfälisches Dampfboot 2002) erstmals wieder Texte Holloways. In sieben Aufsätzen der letzten zehn Jahre wird ein Bogen des am Zapatismus angelehnten politischen Verständnisses entwickelt und nachgezeichnet (Politik der Würde, urbaner Zapatismus, des gehorchend Befehlen, fragend Voranschreiten ...).
Jens Kastner stellt mit einer langen kritischen Einleitung, die auch einen Überblick über die Ereignisse rund um die EZLN liefert, nicht nur die Beiträge Holloways in einen Kontext , sondern wirft auch interessante Fragen dazu auf.
Konzeptionell ist Holloway den vielen Strömungen zuzuordnen, die irgendwie auf den italienischen Operaismus, die „Autonomia“ zurückgehen. Während die drei wesentlichen Momente von Revolution (Widerstand, Aufstand und konstituierende Macht) traditionell getrennt gedacht, als jeweils einander extern angesehen und in eine lineare Folge gesetzt wurden, postuliert Holloway, wie Antonio Negri, eine Simultanität der verschiedenen „Zeitlichkeiten“ der Revolution. Jedoch unterscheidet Holloway nicht zwischen Widerstand und Aufstand. Wie Negri (konstituierte / konstituierende Macht) sieht auch Holloway zwei Formen der Macht: die instrumentelle Macht (power-over) und die kreative Macht (power-to-do). Gemeinsam ist ihnen aber den Weg zum neuen Kommunismus in Selbstbestimmung, Basisorganisierung, Räten und der Anerkennung einer Vielfältigkeit von Widersprüchen zu sehen.
Bedeutend ist die Arbeit Holloways auch im Hinblick darauf den zapatistischen Aufstand aus der romantisierenden Ecke der „sympathischen IndianerInnen“ herauszuholen und die universelle Bedeutung der Ansätze deutlich zu machen. Zu zeigen wie die Zapatistas aufgebrochen sind, die Welt zu verändern und wie sie Teil weltumspannender Kämpfe und eben auch ihrer Entwicklung sind. Ein Manko bei Holloway ist allerdings die Ausblendung der mögliche Umgang mit Staaten in einer Welt voller Staaten (interessant bspw. im Fall Venezuela). Und ebenso denke ich, dass es in der Geschichte viel mehr Anknüpfungspunkte für die politischen Ansätze
der Zapatistas gibt, als die vorsichtig von Kastner benannten (aus dem Räteanarchismus und Strömungen der ’68er). Die Bedeutung des Zapatismus in einer Debatte um Emanzipation wird nicht dadurch geschmälert, das er in Einzelelementen nicht ganz so neu und einzigartig ist, wie ihm angedichtet wird. Auch wäre eine genauere Betrachtung der Differenzen zwischen Theorie und Praxis der Zapatistas ebenfalls hilfreich, vor allem wenn sie immer wieder in Abgrenzung zu anderen Praxen und Erfahrungen angeführt wird. dna