in: Graswurzelrevolution, Nr. 353, Münster, November 2010, S. 18.

Der Popvermittler

Ob er schnell gelebt hat, keine Ahnung (was das heißen sollte). Jung gestorben, zu jung, ist er ganz sicher. Zum Tod des Autors Martin Büsser.

Teenager in den westdeutschen 1980er Jahren zu sein, bedeutete auch, zu der letzten Generation von Plattensammlern zu gehören. Diese „ausgestorbene Zunft“, wie Martin Büsser, Jahrgang 1968, sie mal nannte, legte sich um die aktuelle Lieblingsmusik herum noch raumgreifend kiloschwere Verweismusik zu, mühsam erstanden auf Flohmärkten und in Plattenläden fremder Großstädte. Die Plattensammlung war ein Archivierungsversuch und zugleich ein subjektiver Kommentar zu Musikgeschichte und Zeitgeschehen, wie sie die CD-Anhäufung nie sein konnte.
Martin Büsser, der, als er nach einer Veranstaltung zur Vorstellung der neusten Ausgabe von Testcard. Beiträge zur Popgeschichte, in unserer WG nächtigte, wandte sich zu allererst intensiv meinem wändlings aufgereihtem Vinyl zu. Man konnte Plattensammlungen diskutieren. Anders als durchaus üblich, verbreitete Büsser, der Alleskenner, aber kein Distinktionswissen, sondern es ging ihm wirklich um Argument und Austausch. Auch der Zeitschrift, eigentlich eine Buchreihe, die in den mittleren 1990er Jahren entstand und bis zuletzt maßgeblich von ihm geprägt wurde, ist das deutlich anzumerken. Dass und inwiefern Popmusik sich vom milieuübergreifenden Ausdrucksmittel für Wut, Nicht-Einverständnis und gar Subversion gewandelt hatte zum Zeichen für „ausgewählten Geschmack, ein verfeinertes Hören“ (Büsser), wurde selten so schön reflektiert wie in Martin Büssers Popkritik.

In den besten Zeiten der Pop- oder Kulturlinken, die sich in den späten 1990er Jahren um Zeitschriften wie SPEX, Die Beute oder eben Testcard sammelte, und später in Musikmagazinen wie Intro und allerlei Feuilletons ihren Nachhall hatte, bedeutete Popkritik aber immer noch beides: Kritik an Pop und dessen verdummenden, puren Partyakzenten wie auch Kritik mittels Pop an einer Gesellschaft, die alles in ihre Warenförmigkeit integriert. „Mit der gesellschaftlichen Anerkennung von Pop“, schrieb Büsser 2006 in Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst (Wien), „stand auch der Musealisierung und Kanonisierung jener Phasen der Popgeschichte nichts mehr im Wege, die während ihrer Entstehungszeit noch als Provokation gegolten haben, etwa Psychedelic, HipHop und Hardcore-Punk.“ Neben der Vereinnahmung gab es aber noch ein anderes Problem mit Pop. Dass Pop in Deutschland seit den 1990er Jahren immer rechtslastiger wurde, war ständiges Thema in Büssers Texten um 2000. Die Nähe zum Faschismus bei Bands wie Rammstein dürfe allerdings nicht in Textzeilen und Interviews gesucht werden, schrieb er in „Wie klingt die Neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik“, sie manifestiere sich subtiler auf ästhetischer Ebene: „in einer Gleichsetzung des Harten mit dem Souveränen, in der völligen Ausblendung von Schwäche, Zweifel und Gebrochenheit.“ Und in seiner Einführung in die Popmusik (Rotbuch, Hamburg 2000) betont Büsser, dass im „kommerziellen Pop ein profitabler Markt für jene ‚Mitte’ entstanden [ist], die ihr Rechtssein gar nicht mehr wahrnimmt, weil sie es längst als normal empfindet.“ Der argumentative Schritt vom Popmarkt zu anderen Märkten und politkulturellen Verhältnissen ist in dieser Hinsicht wahrlich nicht mehr weit. Büsser hat solche Schritte immer wieder gemacht, denn seine Texte, Artikel wie Bücher, beschränkten sich keinesfalls auf Plattenkritiken und sein Engagement nicht nur auf Texte. Büsser gehörte 2005 auch zu jenem Kreis von Leuten – PopkritikerInnen, MusikerInnen und KonzertveranstalterInnen –, die das Konzerttour- und CD-Projekt „I Can’t Relax in Deutschland“ initiierten. Die gegen die „neue nationale Selbstfindung“ formierte Aktion konnte deren weitere Ausbreitung bei der WM 2006 freilich kaum begrenzen.

Büsser schrieb nicht nur für die „eigene“ Zeitschrift und den von ihm mit betreuten Ventil Verlag. Er rezensierte auch regelmäßig Platten für Intro und brachte den LeserInnen der konkret die Relevanz kultureller Themen wie den Feminismus in der Kunst Valie Exports oder die Eigensinnigkeit der Architektur Oskar Niemeyers nahe. Über Hundert Artikel von Büsser verzeichnet das Internet-Archiv der Tageszeitung Junge Welt, und auch bei der verfeindeten Wochenzeitung Jungle World werden mehr als fünfzig Texte von ihm angezeigt. Auch hier stehen feministische Kunst und queere Themen hoch im Kurs. Die Ansicht, dass queere Theorie und Praxis den Feminismus nicht abgelöst, sondern weitergeführt hat, teilte Büsser übrigens mit Judith Butler, „da phobische Gewalt gegen Körper ein Element ist, das den Aktivismus gegen Homosexuellenfeindlichkeit und den Kampf gegen Rassismus, das feministische Engagement, Trans- und Intersex-Aktivismus eint.“ (Butler). Erschreckend an diesem Satz sei, so Büsser schließlich, „dass er so auch schon in den siebziger Jahren hätte geäußert werden können. Sind wir seitdem wirklich noch nicht weitergekommen?“

Wenn es so wäre, an ihm lag es definitiv nicht. Dass er für die „nationalbolschewistische“ Junge Welt ebenso schrieb wie auch für die „antideutsche“ Jungle World, ist nicht einer Beliebigkeit seiner eigenen Haltung geschuldet. Es ist vielmehr, denke ich jedenfalls, Ausdruck seiner Unaufgeregtheit einerseits und seines undogmatischen Bemühens um die Sache andererseits geschuldet. Er hielt es ja auch mit Adorno und Deleuze. Anders vielleicht als einer ersten „Generation“ von PopkritikerInnen um Diedrich Diederichsen, die überhaupt erst die Setzung unternehmen musste, dass Pop nicht nur Trink- und Tanzvergnügen, sondern auch Theorie bedeuten konnte, ging es Büsser mehr um die Vermittlung dieses Zusammenhangs. Martin Büsser war im deutschsprachigen Raum der Popvermittler schlechthin. Und eine Integrationsfigur weit über die Poplinke hinaus.

Von der Krebsdiagnose bis zu seinem Tod am 23. September 2010 vergingen nur wenige Monate. Mit ihm ist der Linken, und eben nicht nur deren Popabteilung, ein Netzwerker und wichtiger Autor verloren gegangen. Und einfach ein verdammt netter Typ. Und das im Alter von 42, verdammter Scheißkrebs, also eigentlich gerade zu der Zeit, zu der dann langsam mal die Platte umgedreht werden könnte.

Jens Kastner


Zu den wichtigsten Büchern von Martin Büsser gehören „If the kids are united. Von Punkt zu Hardcore und zurück“ (Ventil Verlag, 1995), „Antipop. Essays und Reportagen zur Popkultur in den Neunzigern“ (Ventil Verlag, 1998), „Popmusik“ (Rotbuch, 2000), „Pop Art“ (Rotbuch, 2001), „On the Wild Side. Die wahre Geschichte der Popmusik“ (Europäische Verlagsanstalt, 2004) und „Der Junge von nebenan“ (Verbrecher Verlag, 2010).
www.testcard.de
www.ventil-verlag.de

Dieser Text erscheint in Graswurzelrevolution, Nr. 353, Münster, November 2010.