in: Graswurzelrevolution, Nr. 265, Münster, Januar 2002, S. 16.

Reden über 68
Drei neue Bücher über die Folgen der Studierendenrevolte


Es schickt sich nicht, mit Klappentexten eine Rezension zu bestücken oder gar zu beginnen. Es soll ja in einer Besprechung um das Innere des Buches gehen, deshalb ist so ein zitierter Klappentext schon mal der Grund für die redaktionelle Ablehnung eines Textes. „Es kommt längst nicht mehr darauf an“ heißt es auf einem knallroten Umschlag, „diese Geschichte zu verteidigen oder zu denunzieren - sondern darauf, sie endlich einmal zusammenhängend zu erzählen“. Gemeint ist die Geschichte von 68 und den Folgen, von Studentenbewegung und außerparlamentarischer Opposition in den 60er und 70er Jahren. Und diese Ankündigung ist so symptomatisch, dass über sie geredet werden muß. Denn sie spricht in etwa so, wie nach einem spätabendlichen Disput in irgendeiner Eckkneipe die klärenden Zusammenhänge für draußen angekündigt werden: nur reden, Alter!
Der, der endlich mal erzählen möchte und dies dank des Verlags Kiepenheuer & Witsch auch ausführlich darf, ist Gerd Koenen. Erzählt wird viel, ausführlich, kompetent und gut lesbar. Was aber gesagt wird, verhöhnt das eigene Äußere. Und zwar nicht nur den Klappentext, sondern auch das, was dem Autoren an der eigenen Geschichte heute offenbar weit weg und unverständlich vorkommt. An einer Stelle behauptet der Ex-Chefideologe des Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) zwar, sich heute nicht von sich selbst (als früherer Kriegsdienstverweigerer) distanzieren zu wollen, aber das ganze Buch ist eine einzige Distanzierung, ein echter Abrechnungsschinken. Die sozialrevolutionären Ansprüche, Äußerungen und Bemühungen der außerparlamentarischen Opposition der 60er Jahre waren demnach nicht viel mehr als eine Maske. Eine heute leicht peinlich wirkende Verkleidung, hinter der eigentlich ganz andere Motive standen. Als Wesenskern der 68er-Bewegung macht Koenen vor allem einen „nationalen Narzißmus-Komplex“ aus: Kommune, Kinderläden, Parteigründungen, letztlich alles dem „Programm der eigenen narzißtischen Neuerschaffung“ geschuldet. Die Abgrenzung von der durch den Nationalsozialismus geprägten Elterngeneration erscheint in Koenens Zeitdiagnose als paranoides Anliegen. In den 60er Jahren sei die Bundesrepublik nicht etwa auf dem Weg in einen neuen Faschismus gewesen, sondern davon bereits zivilgesellschaftlich kuriert. Die alten Nazis in Führungspositionen von Politik und Wirtschaft sind in diesem Bild nur die kauzigen Spießer, deren Gesinnung nicht mehr hegemonial und damit gebannt war. Eine Bewegung, die gegen solche Realitäten agierte, kann mit ihrem Wissenshunger und der lesewütigen Suche nach Alternativen nur „monologischen, fast autistischen Charakter“ gehabt haben. Und die Theroretiker, die heute noch im Geist und in Begriffen der Revolte schreiben wie Oskar Negt oder Klaus Theweleit, sind in Koenens Augen nur die großen Mythologisierer. Für den Kampf um kulturelle Hegemonie und den um Begriffe ist Koenens Buch also, um die Kneipenszene zu vervollständigen, antikapitalistischen Emanzipationsbestrebungen aufs Maul!

Beim Reden über 68 handelt es sich immer um potentielle Schläge, um Statements innerhalb eines Kulturkampfes. Teil dessen sind nicht nur die deutsche Begründung des NATO-Angriffs auf Jugoslawien („Auschwitz verhindern!“), die Bundestagsdebatten zur Vergangenheit von Ministern oder Prozesse gegen Mitglieder der Revolutionären Zellen, sondern auch Bücher wie die hier besprochenen. Das weiß zumindest auch Wolfgang Kraushaar, einer der maßgeblichen ChronistInnen der Bewegung. Er versucht sich an einer soziologischen Betrachtung der Ereignisse und psychologisiert nicht rum, wie Koenen es tut. Kraushaar widmet sich den Protestformen und AkteurInnen von 68 mit akademischer Distanz, und kann dadurch zum Beispiel ein Phänomen wie den Nationalismus Rudi Dutschkes beschreiben, ohne ihn den völkischen Tönen Bernd Rabehls oder der Nazi-Ideologie Horst Mahlers gleichzusetzen. In der abschließenden Betrachtung seiner ebenfalls detailreichen und wohl formulierten Ausführungen kommt Kraushaar zu einem analytischen „Zwischenstand“ in der konstatierten „diagnostischen Unsicherheit“: Das 68er-Phänomen zeichne sich demnach durch verschiedene Aspekte aus, über die sich diskutieren läßt: Kontingenz der Ereignisse, Unterschiedlichkeit der agierenden Gruppen, Transnationalität in Form und Inhalt, Globalität, Öffentlichkeitswirksamkeit durch Massenmedien, immaterielle Wertvorstellungen. Und in der Deutung des Ganzen stellt er eine Dominanz von kulturellen statt sozialen oder ökonomischen Ansätzen fest.

So wenig soziologische Analysen es über dieses meist beschriebene Ereignis der Nachkriegsgeschichte gibt, so oft sprechen die kulturalistischen Deutungen von einem Erfolg der Bewegung. Im Einklang mit zwei Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung wird 68 als Aufbruch zu mehr Demokratie und Offenheit interpretiert. Abstrahiert wird dabei allerdings von den eigentlichen Zielen der Bewegung. Denn beispielsweise aus Dutschkes Plänen für ein rätedemokratisches Westberlins läßt sich schwerlich Fischers Ministerposten ableiten, ebenso wenig wie unter der Zerschlagung des Springer-Konzerns die Inanspruchnahme von Feuilleton-Posten in anderen Zeitungen verstanden wurde.
Was bei Koenen nur Verachtung findet und was Kraushaar lediglich streift, sind die Bewegungen und Versuche, die inhaltlich bei den linksradikalen Positionen der 60er-APO geblieben sind bzw. diese weiterentwickelt haben. Von den Bewegungen und militanten Kämpfen im Gefolge von 68 handelt dann das Buch der autonomen L.U.P.U.S.-gruppe. Die Ereignisse der Studierendenrevolte sind hier nur die Folie, auf der verschiedene Ereignisse der außerparlamentarischen Opposition von den Anschlägen der Revolutionären Zellen über den Häuserkampf bis zur Anti-Startbahn-Bewegung neu bewertet werden. Der L.U.P.U.S.-gruppe geht es in der Betrachtung von 68ff. u.a. darum, „dem Phantasma von einer Zivilgesellschaft ein historisches Fundament zu verpassen“. Der allgemeinen Deutung von „mehr Freiheit und Demokratie“ setzen die Autonomen eine Zeitdiagnose entgegen, in der die rassistischen und kriegerischen Entwicklungen der Bundesrepublik und eine ausbeuterische Sozialpartnerschaft dominieren. Die Bedingungen, die die 68er-Bewegung vorfand, werden demnach heute an Schärfe sprich Ungerechtigkeit noch übertroffen. Die Notwendigkeiten von emanzipatorischer Veränderung sind also laut L.U.P.U.S.-gruppe in den letzten Jahren nicht abhanden gekommen, sondern mehr geworden. Von Koenens zivilgesellschaftlicher Vorgabe falscher Tatsachen auf dem kulturellen Kampfplatz sind die Autonomen erfrischend weit entfernt. Wenn auch deren Spitzen gegen gewaltfreie Ansätze unnötig polarisieren, ist eben nicht ganz von der Hand zu weisen, was sie lapidar feststellen: Dass „die Staat gewordenen 68er heute dort angekommen sind, wo die Theoretiker der 68er Revolte die Waffen auf sie gerichtet hätten“.

Jens Kastner


autonome L.U.P.U.S.-gruppe: Die Hunde bellen.... Von A bis RZ. Eine Zeitreise durch die 68er Revolution und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre; Münster 2001 (Unrast Verlag), 190 S..29,80 DM.
Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln 2001 (Kiepenheuer & Witsch) 553 S., 49,90 DM.
Kraushaar, Wolfgang: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000 (Hamburger Edition), 369 S., 48,- DM.


Mehr zum Thema ´68:

Allmacht und Gewalt
Das Hamburger Institut für Sozialforschung rechnet mit ´68 ab
in: Graswurzelrevolution, Nr. 298, Münster, April 2005, S. 16.
[Artikel in der Graswurzelrevolution lesen]