DAS ARGUMENT 286/2010 ©
in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, Berlin, Nr. 286, 2/2010, S. 285-286.


Hoetmer, Raphael (Hg.), Repensar la política desde América Latina. Cultura, Estado y movimientos sociales, Universidad Nacional Mayor de San Marcos, Lima 2009 (420 S., br., 35 PEN)

Der unter creative-commons-Lizenz erschienene und damit auch frei herunterladbare Band versammelt Aufsätze von Sozial- und Politikwissenschaftler/innen, Theoretiker/innen und Aktivist/innen Mittel- und Südamerikas, die zum Teil beim II. Forum der globalen Demokratisierung (II. Foro de Democratización Global) im November 2007 in Lima vorgetragen wurden. Im Mittelpunkt der thematisch und politisch vielgestaltigen Beiträge steht die Frage nach Konzepten und Praktiken der Autonomie sozialer Bewegungen und ihrem Verhältnis zu institutioneller Macht und staatlichen Akteuren. Ein erster Abschnitt enthält Beiträge zum »Politischen und der Neuerfindung der Politik«. Sonia E. Álvarez stellt den cultural-politics-Ansatz zur Erforschung sozialer Bewegungen vor, zu dessen Hauptvertreter/innen sie gehört. Soziale Bewegungen versteht sie als »diskursive Aktionsfelder« (campos discursivos de acción, 30), auf denen um gesellschaftliche Definitionsmacht gerungen wird. In diesen Kämpfen, in denen auch die Grenzen des Politischen verhandelt werden, treten soziale Bewegungen wiederum selbst als Akteure auf: als »Agentinnen kultureller Produktion« (agentes de producción cultural, 29). Sie bringen Wissen und Macht hervor, die potenziell gegenhegemonial Soziale Bewegungen und Politik wirken. Die Breite des Ansatzes von Álavarez bringt jedoch Probleme mit sich: Vor lauter Kultur, vielgestaltiger ethno-, gender-, körper- und umweltpolitischer Bewegungen rückt jene Dimension in den Hintergrund, die im Begriff »soziale Bewegungen« entscheidend angesprochen ist: das Soziale. – Aníbal Quijano Obregón dagegen, der als postkolonialer Denker wohltuend unkryptischer Art hervorgetreten ist, mangelt es an sozioökonomischer Fundierung seiner Argumente nicht. Mit weltsystemtheoretisch inspiriertem Blick versucht er die globalen Kräfteverhältnisse aus der Perspektive sozialer Bewegungen zu bestimmen. Die Globalisierung sieht er als verschärfte Fortsetzung eines kolonial-kapitalistischen Herrschaftsmodus (patrón de poder colonial-capitalista). In den seit Mitte der 1990er Jahre in Lateinamerika entstandenen sozialen Bewegungen scheint sich nicht nur der Widerstand gegen diese »Kolonialität der Macht« zu artikulieren, sondern auch eine neue antikapitalistische Leitidee (nuevo imaginario anticapitalista) etabliert zu haben. Leider bleibt er Ausführungen darüber schuldig, woran die Durchsetzung eines solchen Leitkonzepts festzumachen ist. Der zweite Abschnitt gewährt Einblicke in einzelne soziale Bewegungen und Länder. Behandelt werden neozapatistische Netze, die indigene Bewegung in Ecuador, lesbischfeministische Bewegungen in Argentinien, afroamerikanische Bewegungen und die Bewegung der Landlosen in Brasilien. Gerade am ecuadorianischen und am brasilianischen Beispiel wird deutlich, wie Bewegungen mit partikularer Identität und Aktionen der Selbstermächtigung auch allgemeinpolitische, ja universale Ansprüche erheben und auf diese Weise staatliche Akteure dauerhaft herausfordern können. Der dritte und interessanteste Abschnitt bietet Überlegungen zum Verhältnis zwischen den seit Ende der 1990er Jahre in mehreren lateinamerikanischen Ländern entstandenen Mitte-Links-Regierungen und den sozialen Bewegungen – ein Verhältnis, das jeweils unterschiedlich von Neo-Klientelismus und revolutionärer Dynamik geprägt ist. Der uruguayische Journalist und Sozialwissenschaftler Raúl Zibechi verortet die gegenwärtigen Bewegungen in Lateinamerika »zwischen Autonomie und neuen Formen der Herrschaft« (185ff). Während er einerseits die Gefahr für Bewegungen beschreibt, durch Sozialprogramme kooptiert und in neue Sicherheitspolitiken integriert zu werden, sieht er andererseits das Konzept der Autonomie nicht als Gegenmodell, sondern lediglich als Rückzugsgefecht. Angesichts zunehmender sozialer Fragmentierung und fehlender übergreifender und einigender Themen zögen sich Bewegungen zunehmend auf »das Lokale« zurück. Erstaunlich für einen Befürworter autonomistischer Ansätze wie Zibechi ist die wenig optimistische Analyse gegenwärtiger Handlungsspielräume für Bewegungen, deren Verzicht auf »große Koordinationsstrukturen« (grandes estructuras de coordinación, 193) keine strategische, sondern eine aus der Not geborene Entscheidung ist. – Maristella Svampa, eine der bekanntesten Forscher/innen zur argentinischen Arbeitslosenbewegung (piqueteros), gibt einen Überblick über die Situation sozialer Bewegungen seit der Regierung von Néstor Kirchner. Ökonomische Restabilisierung, Integration und Kooptation eines Teils der Arbeitslosenbewegungen in den staatlichen Apparat, Repression gegenüber den radikalen Teilen und innere Fragmentierungstendenzen haben dazu geführt, dass die sozialen Bewegungen als politisch und gesellschaftlich prägende Kräfte (eine Rolle, die sie nach der Krise 2001/2002 durchaus innehatten) von einem wiedererstarkten Peronismus abgelöst wurden. Svampa hebt die Anziehungskraft und Tragfähigkeit peronistischer Traditionen hervor und setzt ihre Hoffnungen auf die Umsetzung einer bis dato misslungenen, gleichermaßen tragfähigen Allianz der Linken. – Álvaro Campana Ocampo reflektiert über Rolle und Bedingungen sozialer Bewegungen in Venezuela. Während die »bolivarianische Revolution« bei anderen Autor/innen auf Unbehagen stößt, analysiert Campana Ocampo sie als zwar spannungsreiches, aber letztlich gelungenes Zusammengehen sozialer Bewegungen und der Führungsfigur Hugo Chávez. Auch wenn im Beitrag regierungsnahe ideologische Selbststilisierungen und analytische Kategorien bisweilen in eins fallen (so z.B. beim Begriff poder popular), finden sich präzise und dringliche Fragen sowohl an eine autonomistische, auf Rückzug und Loslösung bedachte Konzeptualisierung sozialer Bewegungen als auch an den bolivarianischen Prozess selbst und sein drohendes Scheitern. Hier liegt ein Sammelband vor, der die Selbstverständigung über die Tatsache dokumentiert, dass soziale Bewegungen in Lateinamerika im Anschluss an die neozapatistische Erhebung in Chiapas die »Machtfrage« nicht einfach für obsolet erklären können, sondern Antworten auf diese finden müssen.
Jens Kastner und David Mayer (Wien)


Mehr zum Thema Soziale Bewegungen in Lateinamerika:

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Nachlese zu einem Aufstand im Südwesten Mexikos
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in: Lateinamerika Anders. Österreichs Zeitschrift für Lateinamerika und die Karibik, Nr. 2/2009, 34. Jg., Wien, Mai 2009, S. 32-33.
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Magón, Ricardo Flores (1874–1922) and the Magonistas
International Encyclopedia of Revolution and Protest, ed. Immanuel Ness, Blackwell Publishing, 2009, pp. 2161–2163.
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"Sie sind alle gleich"
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…heißt postmoderne Kriege führen lernen. Oder: Wie das Pentagon den Netzkrieg entdeckte
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Georg Schön: Somos Viento [Wir sind der Wind]. Globalisierte Bewegungswelten in Lateinamerika, Münster 2008 (Unrast Verlag).
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