in: MALMOE, Nr. 77, Wien, Dezember 2016, S. 20.

Emanzipation ist nicht selbstverständlich
Der Rechtspopulismus und das Versagen linker Theorie


 Rechtspopulismus zeichnet sich dadurch aus, dass er seine AnhängerInnenschaft aus verschiedensten gesellschaftlichen Milieus rekrutiert, u.a. auch aus der klassischen Arbeiterschaft. Im ersten Wahlgang zur österreichischen Präsidentschaftswahl 2016 gewann der rechtspopulistische Kandidat der FPÖ, Norbert Hofer, laut Forschungsinstitut SORA rund 72 Prozent der Stimmen Arbeiterinnen und Arbeiter. Anstatt für internationale Solidarität entscheiden sie viele Arbeiterinnen und Arbeiter – mehr Männer als Frauen, mehr im ländlichen als im großstädtischen Bereich – für nationale Identität und patriarchale Ordnung. Sie verknüpfen zudem ihre Vorbehalte gegen politische und intellektuelle Eliten mit Einstellungen gegen ethnisierte Minderheiten, gegen feministische Anliegen und homosexuelle Lebensweisen. Dafür braucht linke Theorie Erklärungen. Diese werden aber systematisch verstellt.
Im Weg steht solchen Erklärungen die falsche Ein- und schließlich auch Wertschätzung der Artikulationsformen der Ausgebeuteten, Unterdrückten und Exkludierten in einigen linken und libertären Theorieansätzen.

Kämpfende Klasse

In den 1960er Jahre entstand in Italien die operaistische Theorie. Einerseits richtete sie sich gegen die politische Fixierung auf die Staatsmacht in der Kommunistischen Partei, andererseits gegen den theoretischen Fokus auf Strukturen und ökonomische Gesetzmäßigkeiten (in anderen Schulen des Marxismus). Die Kämpfe der ArbeiterInnen rückten in den Vordergrund. Paradigmatisch schreibt etwa der operaistische Theoriker Mario Tronti in „Arbeiter und Kapital“ (1974): „[Man kann] nicht verstehen, was die Arbeiterklasse ist, wenn man nicht sieht, wie sie kämpft.“ [1]
Einerseits wird hier eine praxistheoretische Perspektive angelegt, die an konkreten Praktiken ansetzt und nicht an abstrakten Strukturen oder gar einer Substanz. Das kämpfende Subjekt Klasse formiert sich vielmehr selbst. Ihr das zuzutrauen, statt Verelendung, Partei oder Avantgarde für die Klassenkonstitution als notwendig zu erachten, ist auch eine antiautoritäre theoretische Geste. Dabei wird andererseits aber zugleich zweierlei unterstellt: dass sie kämpft und dass sie dies in emanzipatorischer Hinsicht tut. Gegenüber der Betonung von Weltanschauungen und Bewusstsein ist diese praxeologische Perspektive eine Erweiterung. Denn sie beschreibt nicht-intendierte, unbewusste, eben im Alltag erprobte Praxis als Voraussetzung für Subjektivierung über Klasse (und nicht „Klassenbewusstsein“). Hinsichtlich ihrer normativen Ausrichtung aber ist sie problematisch. Denn schließlich garantiert in Wirklichkeit nichts, dass die Kämpfe, seien sie auch die zentrale Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung, nicht auch trennen statt zu verbinden. Und nichts garantiert, dass selbst wenn Kämpfe immer gemeinsame Kämpfe wären, dass sie dies in befreiender Weise sein müssen.

Widerständige Multitude

Aber auch die Postoperaisten Antonio Negri und Michael Hardt schreiben der Klasse, die „nur dann ein kollektives Ganzes bildet, wenn sie gemeinsam kämpft“[2], eine emanzipatorische Ausrichtung dieser Kämpfe zu. Mann könne Klasse als politisches Konzept nämlich nur nach „Linien des kollektiven Widerstands gegen die Macht“[3] rekonstruieren. Ihre ganze Konzeption der Multitude, wie sie diese Klasse nennen, und der Biopolitik von unten, die sie mache, basiert auf der emphatischen Grundannahme ihrer widerständigen Kraft gegen die Herrschaft. Mit der Biopolitik werden – bei Negri/Hardt im Gegensatz zur Biomacht – vor allem Widerstandspotenziale beschrieben, die sich in neuen Subjektivierungsweisen verdichten. Neue Subjektivitäten werden demnach vor allem durch widerständige Ereignisse formiert. Und diese „Ereignisse des Widerstands besitzen die Macht, sich nicht nur der Kontrolle zu entziehen, sondern darüber hinaus eine neue Welt zu schaffen.“[4]
Dass solch eine neue Welt auch ein autoritäres, autokratisches und chauvinistisches Gebilde sein könnte, kommt den (Post-)Operaisten nicht nur nicht in den Sinn – es lässt sich mit ihrem Modell gar nicht denken.

Explosives Prekariat

Ähnlich unmöglich ist es auch, vor dem Hintergrund der Prekarisierungstheorie Guy Standings den Rechtspopulismus zu fassen. Standing schreibt der Prekarisierung in Prekariat. Die neue explosive Klasse (2015) und im Folgeband Eine Charta des Prekariats (2016) einen gleichermaßen vereinheitlichenden wie emanzipatorischen Effekt auf die Subjektivierungsweisen zu. Er beschreibt das „Prekariat“ als „explosive Klasse“ im positiven Sinne, die also letztlich den Kapitalismus in die Luft jagen wird. Zwar versucht er, Substanzialisierungen zu vermeiden und beschreibt das Prekariat prozesshaft als „Klasse auf dem Weg der Entstehung[5]. Gleichzeitig aber unterschiebt er ihr immer wieder – notwendiger Weise, um die These von ihrer Explosivität aufrecht erhalten zu können –, bestimmte gemeinsame Anliegen. Das Prekariat wünsche sich etwa „eine progressive Vision einer ‚Befreiung von der Lohnarbeit’ wiederzubeleben und so ein sinnvolles Recht auf Arbeit einzuführen.“[6] Und obwohl er verschiedene Formen der Prekarisierung durchaus unterscheidet, spricht Standing von den gemeinsamen „Klasseninteressen“ des Prekariats, die angeblich „den Vorhaben des politischen Mainstream im 21. Jahrhunderts widersprechen – dem Neoliberalismus der populären ‚Rechten’ wie auch der Lohnarbeitsbefürwortung der Sozialdemokratie.“[7]
Dass das „Prekariat“, bestehend aus Menschen, „die ein minimales Vertrauensverhältnis zu Staat und Kapital haben“[8] und einen „Mangel an stabiler arbeitsbezogener Identität“[9] aufweisen, sich, wie viele Arbeiter in Österreich und Frankreich oder die abstiegsbedrohten unteren Mittelschichten in den USA, der FPÖ, dem Front National bzw. Donald Trump zuwenden, wird damit konzeptuell ausgeschlossen.

Kritik

Selbstverständlich ist eine antiautoritäre Haltung, die den Leuten ihre tätige Befreiung grundsätzlich selbst zutraut, für wirklich linke Theorie alternativlos. Nur darf sie eben nicht davon ausgehen, dass irgendetwas ein Emanzipationsstreben selbstverständlich disponiert – weder der Kampf an sich, noch der Diskriminierungs-, Ausbeutungs- oder der Verunsicherungsgrad. Um den Rechtspopulismus angemessen verstehen zu können, müssen die gerade zitierten Positionen vor allem auf drei Ebenen kritisiert werden.
Erstens erweisen sie sich als ziemlich geschichtsblind. Schließlich hätte sowohl die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, ihre sozialdemokratische Partizipationsstrategie ebenso wie der mangelnde Widerstand gegen den und die Integration in den Nationalsozialismus zeigen können, dass die Praxis des kollektiven Kämpfens „von unten“ keineswegs notwendiger Weise an emanzipatorische Anliegen gebunden ist oder zwangsläufig emanzipatorische Effekte hat.
Zweitens sind der undogmatische (Post-)Operaismus und Open Marxism hier theoretisch wesentlich weniger offen, als ihre Tradition vielleicht annehmen lässt. Effekte und der Ausgang der Kämpfe werden eben nicht als ungewiss und nicht vorgegeben beschrieben, sondern als selbstverständlich befreiend. Nimmt man im Anschluss an Marx an – wie es im (Post-)Operaismus ja auch getan wird –, dass das Kapital kein Ding, sondern ein soziales Verhältnis ist, muss auch die inhaltliche Ausgestaltung dieses Verhältnisses als vielgestaltig zugelassen werden. Es besteht aus Kräfteverhältnissen, die zum einen eine ganze Palette von individuellen und kollektiven Praxisformen zwischen Widerstand und Affirmation, Opposition und Teilhabe etc. bereithält. Deshalb sind Kräfteverhältnisse zum anderen auch nicht bloß in eine – „fortschrittliche“, emanzipatorische – Richtung verschiebbar.
Und drittens muss den skizzierten Ansätzen auch ihre Empirieresistenz und ihre Schönfärberei gegenüber der sozialen Wirklichkeit vorgeworfen werden. Entweder werden chauvinistische und autoritäre Entwicklungen einfach ignoriert. Dass die Marginalisierten oder Subalternen sich gegen andere „von unten“ – Männer gegen Frauen, weiße gegen Schwarze – oder gemeinsam gegen diejenigen von noch weiter unten – Refugees zum Beispiel – richten, ist theoretisch nicht vorgesehen. Die Multitude wird, wie Joachim Bischoff und Christoph Lieber bereits vor einiger Zeit kritisierten, „schön geredet und die Gefahr von Rechtspopulismus, Xenophobie und Rasssismus unterschlagen.“[10] Oder die rechten Wahlsiege und Zustimmungen zu autoritären Politik- und Lebensvorstellungen werden als Ausrutscher aufgrund kurzzeitiger Verblendungen, aber nicht als strukturelles Problem konzipiert.

Folgerungen

Was folgt nun aus der auch kürzlich auch von Didier Eribon so prominent wiederholten Einsicht, dass die ArbeiterInnenklasse eben nicht „naturgemäß links wählen“[11] muss?
Erstens darf den skizzierten Tendenzen der theoretischen Vereinseitigung in der Wertung popularer Praktiken, also der Festlegung auf deren emanzipatorische Potenziale, nicht mit einer einfachen Spiegelung begegnet werden. Die unteren Klassen und die Subalternen für den Rechtspopulismus verantwortlich zu machen, ist einerseits empirisch wie theoretisch unterkomplex, weil es keinesfalls bloß die Abgehängten und Ausgegrenzten sind, die ihn stützen. Andererseits ist die Spiegelung selbstverständlich auch politisch falsch und führt zu üblen Klassismen, wie etwa der (linksliberale) Schriftsteller Michael Köhlmeier sie mit einer in Der Standard publizierten Hetzrede gegen die rechtsextremen „Fress-, Sauf- und Fickmaschinen“[12] aus der Unterschicht in vermeintlich antifaschistischem Geist vorgemacht hat.[13]
Zweitens geht es darum, eine relationale Herrschaftsanalyse zu entwickeln bzw. an die sozialen Realitäten anzulegen. Pierre Bourdieu hatte jenen sozialtheoretischen Positionen, die das „Volk“ als Ort der Subversion oder des Widerstandes konzipieren, einen „dezisionistische[n] Voluntarismus und Optimismus im Missachten realistischer Befunde“ vorgeworfen. Es gehe demgegenüber um ein Verstehen „des außerordentlichen Einverständnisses[14], dass die soziale Ordnung erzeuge. Dies beruht auf Partizipationen und Teilhabe, auf Anerkennung und Privilegien, die auf allen Stufen der sozialen Hierarchie existieren und die Menschen dazu bringen, sich häufig eher anzupassen als zu rebellieren. Solches Anpassen ist auch Effekt einer symbolischen Macht, die auf unreflektierten und verinnerlichten Zwängen beruht. Diese symbolische Macht löst auch das „praktische Erkennen und Anerkennen der magischen Grenze zwischen Herrschenden und Beherrschten“[15] aus. Deshalb ist sie auch für das Verstehen des Rechtspopulismus zentral, obwohl der ja erst einmal eher Unmut und regressives Aufbegehren als Einverständnis formuliert. Aber die Verluste an Besitz und Prestige, die auf unterschiedliche Weise und letztlich doch überall in der sozialen Hierarchie drohen, lösen die Hinwendung zu „starken Führern“ und rigider Klarheit in der Vielfalt politischer, sozialer und sexueller Vorstellungen und Lebensweisen aus. Dem muss die Linke sich stellen.

Jens Kastner


Mehr zum Thema:

Ins Herz linker Theorie
Didier Eribons biografisch-sozioanalytische Auseinandersetzung mit Arbeitermilieus, Rechtspopulismus und dem neoliberalen Diskurs
in: graswurzelrevolution, Nr. 412, Münster, Oktober 2016, Libertäre Buchseiten, S. 12.
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Eine Fabrik ohne Fluchtweg
Der postoperaistische Soziologe Maurizio Lazzarato analysiert die Schuldenökonomie
in: ak – analyse und kritik, Nr. 585, Hamburg, 14. August 2013, S. 35.
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Staat und Konsens
Stuart Hall als Vermittler, oder: Warum AnarchistInnen die Uhr umstellen

in: Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Wien, Nr. 34, Winter 2014/2015, S. 22-24.
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Postdemokratische Räume
in: UmBau 27. Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Architektur. Sonderausgabe Biennale Venedig 2014. Basel 2014 (Birkhäuser Verlag), S. 90-99.
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[1] Mario Tronti: Arbeiter und Kapital. Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik 1974, S. 164.

[2] Antonio Negri/ Michael Hardt: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt am Main/ New York: Campus 2004, S. 122.

[3] Ebd.

[4] Antonio Negri/ Michael Hardt: Common Wealth. Das Ende des Eigentums. Frankfurt am Main/ New York 2010, S. 75.

[5] Guy Standing: Prekariat. Die neue explosive Klasse. Münster: Unrast Verlag 2015, S. 18.

[6] Guy Standing: Eine Charta des Prekariats. Von der ausgeschlossenen zur gestaltenden Klasse. Münster: Unrast Verlag 2016, S. 27.

[7] Standing 2016, a.a.O., S. 38.

[8] Standing 2015, a.a.O., S. 20.

[9] Standing 2015, a.a.O., S. 21.

[10] Joachim Bischoff/ Christoph Lieber: „Lohnarbeit und Demokratie. Die Herrschaft des Kapitals und die Multitude.“ In: Joachim Bischoff/ Christoph Lieber/ Guenther Sandleben: Klassenformation Multiutude? Kritik der Zeitdiagnose von Antonio Negri und Michael Hardt. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 12/2004, Hamburg: VSA Verlag 2004, S. 18-43, hier S. 41.

[11] Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp Verlag 2016, S. 140.

[12] Michael Köhlmeier: „Was wir meinen, wenn wir von Demokratie reden.“ In: Der Standard, 6.12.2014, derstandard.at/2000009072077/Was-wir-meinen-wenn-wir-von-Demokratie-reden

[13] Vgl. dazu Jens Kastner: „Antifa-Klassismus. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier redet über Demokratie und demonstriert dabei vor allem paradigmatischen Intellektuellendünkel“. In: transversal texts, 12/2014, transversal.at/blog/Antifa-Klassismus

[14] Pierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2001, S. 221.

[15] Bourdieu 2001, a.a.O., S. 217.