in: springerin. Hefte für Gegenwartskunst, Band XXIV, Heft 4/ Herbst 2018, S. 73.

Walter D. Mignolo/ Catherine E. Walsh: On Decoloniality. Concepts, Analytics, Praxis. Durham and London: Duke University Press 2018.

Text: Jens Kastner


Kolonialität bezeichnet das Fortwirken des Kolonialismus nach Beendigung der politisch-militärischen Kolonialherrschaft. Der peruanische Soziologe Aníbal Quijano (1928-2018) hatte das Konzept Anfang der 1990er Jahre entwickelt. Dynamik und Effekte der Kolonialität und Kämpfe gegen sie stehen seitdem im Fokus dekolonialistischer Ansätze. Zu deren VertreterInnen gehören auch die in Ecuador lehrende Politikwissenschaftlerin Catherine E. Walsh und der argentinische Literaturwissenschaftler Walter D. Mignolo. Beide gemeinsam haben nun mit On Decolonialityein explizit einführendes Buch vorgelegt, bestehend aus zwei separat geschriebenen Teilen, mit dem sie Grundlagen darstellen und eine geplante Reihe eröffnen.
„Decolonial studies“, heißt es gleich zu Beginn von Mignolos Beitrag, „could not be decolonial.“ Denn ihr politischer, sozialer und epistemischer Rahmen seien notgedrungen Teil des als „westlich“ abgelehnten universitären Systems. Walsh hingegen listet als eines von vielen Beispielen für dekoloniale Praktiken auch das von ihr eingerichtete Doktoratsprogramm an der Universität von Quito auf. Mignolo räumt zugleich ein, es gebe keine „privileged location“ für dekoloniale Praxis – womit schließlich das Buch und die ganze akademische Arbeit der letzten 20 Jahre doch wieder legitimiert sind. Walsh meint das im Prinzip auch, streicht aber vor allem „collective insurgend praxis of ancestral people, identified as Indigenous, Afro-descendent, or Black, and sometimes as peasant or campesino“ als dekoloniale Praktiken heraus. Hier nennt sie eine ganze Reihe von Kämpfen in Lateinamerika. Dabei stellt sie vor allem deren theoretische Konzeptionalisierungen vor, d.h. sie widmet sich Modellen wie etwa der cimarronajeals widerständigem Denken, dem casa adrentoals ortsbezogenem Wissenserwerb usw. Das ist deshalb so auffällig, weil ihr erster Buchteil eigentlich den dekolonialen Praktiken gewidmet ist und die AutorInnen es ihrer dekolonialen Perspektive zugute halten, der Praxis diesen bevorzugten Stellenwert einzuräumen (gegenüber der „westlichen“ Theoriepriorität). 
Man müsste auf diesen kleinen und größeren Ungereimtheiten vielleicht nicht so sehr herumhacken, wenn die AutorInnen selbst nicht immer wieder über sie hinweggehen und zugleich mit großer Geste ihr Konzept bewerben würden. Dekolonialität wird als praktische wie theoretische Fortsetzung der staatspolitischen Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden. Sie zielt vor allem auf das („westlich“ geprägte) Wissen. Eines ihrer zentralen Mittel ist daher „epistemischer Ungehorsam“, wie ein anderes Buch von Mignolo betitelt ist (Wien/ Berlin 2012). Dekolonialität soll aber auch kein akademisches Paradigma sein, sondern sie beschreibt nicht weniger als „ways of thinking, knowing, being, and doing“ (Walsh). Diese Wege sollen zudem lokale Geschichten und Kämpfe unterstützen. 
Was das Denken betrifft, so muss man dem Band durchaus zugute halten, dass er im Anschluss an Quijano noch einmal die grundlegende koloniale Prägung der Welt und des Wissens über sie betont. Ethnische Klassifizierungen und die globale Arbeitsteilung sind ohne Kolonialismus nicht zu denken. In Anbetracht der Tatsache, dass im zuständigen akademischen Mainstream der Moderne-Theorie – etwa bei Jürgen Habermas oder Armin Nassehi – dieser Gedanke nach wie vor nicht angekommen ist, kann das Buch nur als Gewinn für theoretische Auseinandersetzungen und politische Perspektiven gelesen werden. 
Was die Praxis betrifft, muss an Walshs Engagement und ihrem Versuch, nicht über sondern mitsozialen Bewegungen zu agieren, gar nicht gezweifelt werden. Auch dass die soziale Praxis als theorierelevant konzipiert wird, wie sie es mit Arturo Escobar fordert, ist sicherlich ein wichtiger theoriepolitischer Einsatz. Und nicht zuletzt ist auch die von Walsh und Mignolo hervorgehobene Tendenz von resisistance zu re-existence, also vom Gegen zum Für in verschiedenen sozialen Bewegung eine zutreffende Analyse. Aber der Begriff der Dekolonialität scheint einerseits zu weit gefasst, wenn er sowohl das Autonomie-Projekt der Zapatistas in Südmexiko als auch den Kampf um eine plurinationale Verfassung, den die Indigenen-Organisation CONAIE in Ecuador geführt hat und das Doktoratsprogramm von Walsh umfassen soll. Zu eng wird der Begriff andererseits bei Mignolo: Er grenzt die auf Fragen des Wissens konzentrierte Dekolonialität von der historischen Dekolonisierung ab, die es auf die Eroberung der Staatsmacht abgesehen hatte. Ruft man sich Gandhis gewaltfreie Revolution, die Négritude- und andere antikolonialen Bewegungen ins Gedächtnis, die nicht zuletzt um Bewußtseins- und Lernprozesse kreisten, wird schnell klar, dass Mignolos Abgrenzung wenig Bestand hat.
Bei aller gebotenen Offenheit wäre doch eine genauere Bestimmung der Dekolonialität wünschenswert und sicherlich ein Kriterium für das Gelingen zukünftiger Bände. Das gilt letztlich auch für die Kolonialtität selbst, gerade weil die AutorInnen eingangs bedenklich lapidar behaupten, Rhetorik und Politiken von rechtem Nationalismus, neoliberalem Globalismus und Progressismus – als Beispiel für letzteren werden die Regierungsprojekte von Ecuador, Bolivien und Venezuela genannt – mögen sich zwar unterscheiden, aber „each continues to perpetuate and further coloniality“.



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