in: ak – analyse & kritik, Nr. 527, Hamburg, 18.04.2008, S. 28.

Der indische Anti-Fanon
Ashis Nandy über Gandhi als postkolonialen Theoretiker

Von 1919 bis zur Unabhängigkeit vom britischen Empire 1948 beteiligten sich Millionen an den meist gewaltfreien Aktionen gegen die Kolonialmacht. Verschiedene Kampagnen der Nicht-Zusammenarbeit und des Zivilen Ungehorsam wurden von unterschiedlichsten Gruppen und Milieus mitgetragen. Im Gegensatz zu anderen Nationalen Befreiungsbewegungen konnten sich Strategien des bewaffneten Kampfes auf dem Subkontinent nicht durchsetzen. Zentrale Figur dieser ansonsten recht demokratisch organisierten Bewegung war selbstverständlich Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948). Ein neu erschienenes Buch stellt Gandhi als libertären postkolonialen Theoretiker vor.

Dass Gandhi nicht nur Politiker ohne Staatsamt und Aktivist, sondern auch antikolonialistischer Theoretiker der gewaltfreien Aktion war, wird durch ein nun ins Deutsche übersetztes Buch des indischen Sozialpsychologen Ashis Nandy in Erinnerung gerufen. Nandy ist Direktor des Center for Studies of Developing Societies in Delhi und Aktivist verschiedener Menschenrechtsorganisationen. Seine theoretischen Arbeiten zum kolonialen Bewusstsein knüpfen direkt an Gandhi an.

Durch Nicht-Zusammenarbeit den Konsens aufkündigen
Gandhi als Theoretiker ernst zu nehmen, ist keineswegs selbstverständlich. Dabei gab es, wie die Einleitung des Übersetzers Lou Marin verrät, nicht nur zu Gandhis Lebzeiten eine breite Rezeption seiner Lehren. Auch nach seiner Ermordung vor 60 Jahren bildeten sich im wesentlichen drei Strömungen heraus, die bis heute an den Gandhianischen Antikolonialismus andocken: Eine postmodern-dekonstruktivistische Gandhi-Schule, zweitens ein Zweig, der unter Bezugnahme marxistischer Versatzstücke als subaltern studies bezeichnet wird und drittens der indigenistische oder kritisch-traditionalistische Ansatz. Diesem ist Ashis Nandy zuzurechnen.

Gandhi wurde als kritischer Theoretiker der Modernisierung allerdings häufig eher belächelt. Auch und gerade von der fortschrittsgläubigen Linken, die sich in Sachen Antikolonialismus lieber an Frantz Fanon orientierte. Wie Fanon gehört mittlerweile auch Ashis Nandy zu den Klassikern der postcolonial studies. Dieser Zweig der Kulturwissenschaften bezeichnet sich nicht nur deshalb als postkolonial, weil er nach dem Kolonialismus entstanden ist. Es geht auch inhaltlich darum, bestimmte kolonialistische und modernistische Denkmuster zu überwinden.
In einer Fußnote bezieht sich Nandy zunächst positiv auf Frantz Fanon. Dieser hatte als erster vehement die nicht nur ökonomischen und kulturellen, sondern auch psychologischen Folgen des Kolonialismus herausgearbeitet und angeprangert. Auch Nandy beschreibt eine psychologische Bindung der Kolonisierten an die Kolonisatoren. Dass  Kolonialismus unter anderem ein „psychologischer Zustand“ ist, ist wesentlicher Gegenstand seines Buchs.
Politisch allerdings könnten Fanon und die Gandhi-Rezeption des „kritischen Traditionalismus“, die Nandy vertritt, kaum weiter auseinander liegen. Bereits im algerischen Kampf gegen die französische Kolonialmacht hatte sich die Nationale Befreiungsfront (FLN), deren Sprecher Fanon zeitweise war, gewaltsam gegen die Bewegung um Messali Hadj durchgesetzt. Dessen Anhänger vertraten einen an Gandhis Lehren angelehnten, gewaltfreien antikolonialen Ansatz. Fanon und die FLN setzten auf bewaffneten Kampf. Die in den Muskeln sitzende Unterdrückung sollte sich in der Vorstellung Fanons durch den Guerillakrieg entladen.

Das genau sei einer der wesentlichen Fallstricke des bewaffneten Antikolonialismus gewesen, hält Nandy dagegen. Gerade die Idee, die Kolonisatoren an Männlichkeit und Stärke noch übertreffen zu müssen, verbleibe innerhalb des „dominanten universalistischen Modells“ des Westens. Wenn der Kolonialismus auf bestimmten Formen von Konsens zwischen Herrschern und Beherrschten beruht, dann besteht die Hauptbedrohung für die Kolonisatoren in der Aufkündigung dieses Konsens. Hier setzten die Kampagnen der Nicht-Zusammenarbeit an. Und da der Westen nicht nur den Kolonialismus produziert habe, sondern auch dessen Interpretation, halte dieser Kampf um die Köpfe bis heute an. In diesem Kampf seien Traditionen oft hilfreich. Allerdings nicht im Sinne eines krampfhaften Rückgriffs auf ohnehin Verschwundenes. Nandy versteht seinen „kritischen Traditionalismus“ eher als „Tendenz zur Reinterpretation von Traditionen, um neue Traditionen zu kreieren.“

Gandhi als ein Vorläufer der SituationistInnen

Damit kritisiert Nandy im Anschluss an Gandhi auch die moderne Auffassung von Geschichte. Denn diese hatte die Traditionen stets abgewertet und als rückständig oder gar konterrevolutionär bekämpft. An einer solchen Geschichtsauffassung hatten auch linke Intellektuelle immer ihren Anteil, die damit den Ethnozentrismus mit entwickelten und festigten. Schon für Engels waren die Indigenen aller Länder „Völkerabfälle“, die im Laufe der Modernisierung ohnehin verschwinden würden. Und selbst Marx hatte ausgerechnet England, trotz aller kolonialen Verbrechen, für „das unbewußte Werkzeug der Geschichte“ gehalten.

Nandy interpretiert Gandhi in dieser Hinsicht als Zivilisationskritiker. Als solcher war er auch in den westlichen sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre wieder entdeckt worden. Technikfeindlichkeit und ökologisches Bewusstsein fanden hier einen Paten. Wegen seiner Kritik am modernen Arbeits- und Zeitregime macht Lou Marin Gandhi sogar zum Vorläufer der Situationisten. Als künstlerische Avantgarde hatten diese u. a. den westlich-kapitalistischen Lebensstil als entfremdet kritisiert.
Nandys Buch bereichert den postkolonialen Diskurs um eine libertäre Dimension. Auf anarchistische Denktraditionen hatte sich bereits Gandhi bezogen. Die darin formulierte Ablehnung der Staatsmacht und die ethische Dimension des Politischen waren auch ausschlaggebend für Gandhis Kritik an der Idee nationaler Befreiung. Dies herauszustellen, ist sicherlich die Stärke des Buches.
Der Kult um die als heilig verehrte Person Gandhis mag da sicherlich ebenso befremden wie manch straffe Moralvorschrift. Auch die ganze religiöse Überfrachtung wird nicht unbedingt sympathischer oder brauchbarer dadurch, dass es sich auch dabei um Wiederaneignungen oder eben Neuerfindungen Gandhis handelt.

Jens Kastner

Ashis Nandy: Der Imtimfeind. Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus. Mit einer Einleitung zur Rezeption von M.K.Gandhis libertärem Anti-Kolonialismus. Übersetzt aus dem indischen Übersetzt von Lou Marin, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2008. 248 Seiten, 19,80 EUR


Anmerkung: Die im Text aufgestellte Behauptung, Messali Hadj und seine AnhängerInnen hätten einen gewaltfreien Ansatz vertreten, beruht auf einem Missverständnis. Sie wurden zwar von der FLN bekämpft, führten ihren antikolonialen Kampf aber ebenfalls bewaffnet.


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