in: taz – Die Tageszeitung, Berlin, 4. Juli 2001, S. 14.

Flüchtiger Wohnen
Andocken und Ausknocken: Die Ausstellung „Plug-In. Einheit und Mobilität“ im Westfälischen Landesmuseum sucht nach neuen Behausungen, die sich gegen die total funktionalisierte Lebenswelt wehren. Viele der beteiligten Künstler setzen dabei eher auf soziale als auf ästhetische Überlegungen

Von Jens Kastner

Hütten aus Pappkartons, ausstaffiert mit persönlichen Habseligkeiten und gemütlicher eingerichtet als so manches Studentenzimmer, ohne Dach überm Kopf aber dafür mit Plane, aus der außerdem auch der Tunnel zum Nachbarn gemacht ist.
Angeregt durch solche Behausungen in den Vororten von Tokyo, hat der Schweizer Künstler Costa Vece fünf Kartonzimmer von Münsteraner BürgerInnen mit ihren persönlichen Dingen ausstatten lassen. Im Rahmen der Ausstellung „Plug-In. Einheit und Mobilität“ ist der kleine Slum im Westfälischen Landesmuseum in Münster begehbar. Aber nicht nur Costa Vece holt die soziale Welt oder zumindest ihre symbolische Repräsentation ins Museum. Von den 19 Künstlerinnen und Künstlern, die vom Landesmuseum in Zusammenarbeit mit der Siemens Kulturstiftung nach einer Neubewertung der historischen Plug-In-Architektur befragt wurden, antworteten überraschend viele mit sozialen statt ästhetischen oder primär architektonischen Überlegungen. Die mobilen Wohneinheiten, die in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts zum einstöpseln oder andocken (plug in) nach den vier Prinzipien Einheit, Mobilität, Offenheit und Massenreproduzierbarkeit konstruiert worden waren, versuchten noch, urbane Utopien in architektonische Visionen zu verwandeln.
Die kritische Revision der mobilen Immobilie, die beispielsweise Silke Wagner vornimmt, läßt jede positive Aufbruchstimmung vermissen. Mit der Aktion Fluchtwagen wird darauf angespielt, dass Mobilität im Globalisierungsmaßstab nicht nur das Privileg einiger flexibler Menschen, sondern auch die Not von massenweise Armen ist. Für die Ausstellung hat sie einen VW-Bulli gekauft und einer ortsansässigen antirassistischen Initiative zur Verfügung gestellt, die jetzt durch Münster fährt und für Asylrecht und das Schlepper-Handwerk wirbt. Lucy Orta und die Schwestern Christine und Irene Hohenbüchler haben Objekte geschaffen, deren ästhetische Überzeugungskraft Dank kunsthistorischer Anleihen sicherlich größer ist als Silke Wagners Auto, die sich aber letztlich auch erst über ihre sozialarbeiterische Komponente gänzlich erschließen. Das Mutter-Kind-Haus der Hohenbüchlers, angefertigt als reale Wohneinheit für Flüchtlinge aus dem Kosovo, hatte schon auf der letzten Biennale in Venedig gestanden und dort die Kritik u.a. der FAZ hervorgerufen. Darf Kunst gemacht werden, die so tut, als wäre sie ein umsetzbarer Vorschlag zur Linderung von Leiden? Den „Vehiconnector“ und die „Nexusarchitekturen“ von Lucy Orta dürfte diese Frage ebenfalls treffen. Denn auch das umgebaute Ambulanzfahrzeug und die zusammenschließbaren Schutzanzüge versprechen konkrete Hilfeleistung und liegen doch nur in der Museumsvorhalle rum. Allerdings bemißt sich die Glaubwürdigkeit der Kunst nicht allein daran, inwieweit sie dazu beitragen kann, die ehemals thematisierte Randgruppe ins Zentrum zu hieven.
Das Künstlerpaar Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll hat mit ihrem Projekt „Hamburg Ersatz Teile“ neben kleinen Architekturmodellen auch einen Raum geschaffen, um über ideale Wohnformen zu kommunizieren. Sie artikulieren damit eine Position zwischen vergangenen Visionen und alternativen Zukünften, die in puncto Mobilität sowohl der Differenz von Künstler-Nomade und Asylbewerberin Rechnung trägt, als auch die Diskussion um Kunst im öffentlichen Raum nährt. Noch während der großen Ausstellung „Skulpur. Projekte in Münster 1997“ war der Gegensatz zwischen der vermeintlich wahllos aufgestellten drop sculpture und einer site specifity allgegenwärtig. Mit Dellbrügge und de Moll versucht sich Plug-In hingegen an der Formulierung einer vermittelnden Auffassung der „ortsbildenden Skulptur“. Ob damit allerdings, wie im Katalog angegeben, auch private und öffentliche Sphäre versöhnt aufeinander bezogen werden können, muß angesichts des musealen Rahmens fraglich bleiben. In einer von von Costa Veces Hütten liegt auf einem Karton mit Deckchen die Ausgabe der Zeitschrift Capital mit dem Schwerpunktthema „Der aktuelle Immobilienmarkt“. Ein wirklich guter Witz.

Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, bis 29. Juli 2001.